Das "Clever" - Wissensbuch

Die wissenschaftlichen Erläuterungen aus Sendung 46

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2. Lachen durch Kitzeln

Frage: Lachen ist eine Medizin, die uns zu nahezu jeder Zeit kostenlos zur Verfügung steht – aber warum lachen wir eigentlich, wenn wir gekitzelt werden?

Kurzerläuterung: Kitzeln ist ein Spaßangriff, der auch als „freundliche Aggression“ (mock attack) bezeichnet wird. Beim Kitzelopfer baut sich dabei eine gewisse (An-)Spannung auf, die sich im lustvollen Lachen auflöst, nachdem sich das Kitzeln als nicht bedrohliches Spiel entpuppt.

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Wissenschaftliche Erläuterung

Das Lachen ist sechs bis sieben Millionen Jahre alt und ein evolutionär bedingtes Signal: Innerhalb der eigenen Bezugsgruppe signalisiert es angenehme Nähe, Geborgenheit und lustvolle Lebensfreude. Dem Außenstehenden gegenüber zeigt die Sippe über die ritualisierte Droh- und Triumphgebärde des Lachens ihre Stärke. Auch heute erfüllt das Lachen noch diese archaische Funktion: Wenn zum Beispiel auf dem Schulhof ein Kind von anderen ausgelacht wird, erlebt es sich gewöhnlich als schwach, unterlegen und bedroht.

Beim Kitzeln existiert zunächst scheinbar die Gefahr körperlicher Bedrohung, besonders, wenn „empfindliche Stellen“ mit vielen Nervenendigungen (z.B. Achselhöhlen, Bauch, Fußsohlen, Leistengegend) attackiert werden. Sobald dies aber als harmlose Spielerei erkannt wird, verliert die anfängliche Bedrohung ihren Schrecken und entbindet sich in einem spannungslösenden Lachen. In diesem Augenblick triumphiert das „Lustprinzip“, d.h. die primäre Lebensfreude des kleinen Kindes.

Psychologisch gesehen, kommt es beim Kitzeln zu einer Interferenz, einem Zusammenprallen von gegenläufigen Impulsen, die auf Nähe und Flucht ausgerichtet sind. Neurologisch gesehen, werden gleichzeitig angenehm wirkende Berührungsrezeptoren und Schmerzrezeptoren aktiviert, so dass Lust und Schmerz simultan empfunden werden. Daraus ergibt sich eine spannungsgeladene Inkongruenz, die sich reflexhaft im Lachen wieder abbaut.

Lachen ist also ein uraltes Ventil zum Stressabbau - und damit ein körperlicher Regelmechanismus zur (Wieder-)Herstellung von Ausgeglichenheit und Wohlbefinden. Dadurch wird in psychologischer Hinsicht die entscheidende Voraussetzung für die Herstellung „entspannter“ sozialer Beziehungen geschaffen, was wiederum wesentlich zur Stärkung eigenen Selbstwertgefühls beiträgt.

Warum können wir uns aber eigentlich selbst nicht selbst kitzeln? Um nicht mit einer Fülle von Informationen überlastet zu werden, kann das Gehirn existenziell wichtige von unwichtigen Reizen unterscheiden und in diesem Zusammenhang eine Art Prioritätsliste erstellen. Ganz oben auf dieser Liste stehen all die Reize, die von außen an den Körper herangetragen werden – also Berührungen durch Fremdeinwirkung, die sich potenziell bedrohlich auswirken könnten. Berührungen ohne Fremdeinwirkung hingegen, die etwa von der eigenen Hand herrühren, stehen auf dieser Liste ganz unten - dort wo existenziell nicht bedrohliche, harmlose Stimulierungen rangieren. In diesem Fall braucht das Kleinhirn, unser motorisches Reaktionszentrum, nicht Alarm zu schlagen! Das Großhirn stuft den betreffenden Berührungsreiz somit als unwichtig ein und interpretiert diesen nicht als ein bedrohliches Kitzeln. Deshalb spüren wir zum Beispiel die Reibung unserer Kleidung auf der Haut nicht bewusst, die kleine Stubenfliege, die sich auf unseren Arm setzt, aber sehr wohl: Dies ist eine uralte Reaktion, die den Menschen vor der Bedrohung durch gefährliche Krabbeltiere wie Spinnen und Skorpione schützen soll.

Weitere Informationen

M. Titze & C. T. Eschenröder: Therapeutischer Humor. Grundlagen und Anwendungen. Fischer TB 12650.

www.michael-titze.de

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