Der Minister

Eine satirische Annäherung an den Fall Guttenberg

Im Interview: Drehbuchautorin Dorothee Schön

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© Hardy Brackmann

Wann kam Ihnen die Idee zum Drehbuch?

Dorothee Schön: Als Karl-Theodor Guttenberg in der Öffentlichkeit die Plagiate in seiner Doktorarbeit damit begründete, dass er als gestresster Familienvater den Überblick über die Quellen verloren habe, da stellte sich bei mir sofort das Bild eines einsam schuftenden Doktoranden ein, an dem seine kleinen Kinder und die Ehefrau zerren – nur dass dieser in meiner Vorstellung gar nicht Guttenberg selbst gewesen ist. Ein Politiker wie Guttenberg hat schließlich Ghostwriter und Mitarbeiter, die für ihn Reden oder Presse-Statements schreiben. Und so entstand die Idee einer Freundschaftsgeschichte zwischen einem Politiker und seinem Berater.

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Warum hat es Sie als Autorin gereizt, sich dem "Fall Guttenberg" satirisch zu nähern?

Guttenberg war weder die Lichtgestalt, zu der ihn die Presse hochgejazzt hat, noch der komplette Nichtskönner, den hinterher das verkaterte Publikum in ihm sehen wollte. Er war vor allem eines: Eine perfekte Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Wahlvolks. Und gerade, wenn so viel Pathos und falsche Töne unterwegs waren, ist in diesem Fall die Satire das geeignete Mittel, um nicht nur der Politik, sondern auch dem Medienbetrieb und nicht zuletzt dem Wähler (also uns allen) den Spiegel vorzuhalten. Es ist wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider": Es gehört dazu nicht nur ein Kaiser ohne Kleider, sondern auch ein Hofstaat und Untertanen, die bewundernd "Ah" und "Oh" rufen, obwohl sie gar nichts sehen.

Dass seriöse Zeitungen in ihren Artikeln meinten, "der coole Baron" könne wahrscheinlich übers Wasser laufen und "die fabelhaften Guttenbergs" hätten bereits zum "Paarlauf ins Kanzleramt" angesetzt, dazu Bilder des neuen Verteidigungsministers in Top-Gun-Pose vor dem Eurofighter in 3D – da frage ich mich natürlich, wie man das nicht satirisch erzählen will. Ich war allerdings überzeugt, dass es niemand wagen würde, diesen Stoff zu machen. Ich habe sogar eine Wette dagegen abgeschlossen – und glücklicherweise verloren. Politsatiren sind eigentlich in Deutschland so selten wie freilaufende finnische Tiger.

Welchen Anspruch hatten Sie, als Sie das Drehbuch "Der Minister" schrieben?

Die Geschichte "Der Minister" soll erst einmal Spaß machen. Hier geht es nicht um Enthüllung und Skandal, auch nicht um Häme und Gehässigkeit, sondern um den dekouvrierenden Blick auf die Mechanismen der Macht, die Sprechblasen und Eitelkeiten der Mächtigen, Möchtegern-Wichtigen und "Adabeis". Und ganz nebenbei erfährt man, wie der Kleiderschrank der Kanzlerin aussieht und wie viele Dioptrien die Brille ihres jüngsten Kabinettsmitgliedes hatte.

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Im Drehbuch wechseln sich Original-Zitate mit fiktionalen Dialogen ab. Wie schwer war es, die richtige "Dosierung" der Original-Zitate zu finden?

Der Duktus der Originalquellen ist schon sehr speziell, den muss man als Drehbuchautor gar nicht weiter zuspitzen. Das verschwurbelte Vorwort von Guttenbergs Doktorarbeit hatte bereits im Internet Kultstatus erreicht, noch bevor irgendjemand wusste, dass die Arbeit selbst ein Plagiat ist. (...) Ich hatte jedenfalls den Ehrgeiz, so viel wie möglich auf Originalformulierungen zurückzugreifen, auch auf die (zugegeben wohl eher theoretische) Gefahr hin, dass mich Karl-Theodor zu Guttenberg wegen Plagiat verklagen könnte. Ich fürchte, den Gefallen wird er mir nicht tun.

Der Film "Der Minister" ist eine Polit-Satire. Was muss ein Drehbuch erfüllen, um aus dem tragischen Schicksal eines gefallenen Polit-Stars eine Satire umzusetzen?

Nun, ich finde den Fall Guttenbergs nicht tragisch. Es gibt schlimmere Schicksale, als reich begütert, gesund im Kreise seiner Familie den "angesehenen Staatsmann" in Amerika zu geben. Wer sich so exponiert und eitel in Szene gesetzt hat wie Guttenberg, muss damit rechnen, dass die Öffentlichkeit seine Fehler nicht plötzlich diskret behandeln wird. Es war ja schon erstaunlich, wie viele Affären er in seiner kurzen Ministerlaufbahn zuvor unbeschadet überstanden hatte (Opel, Linkslater, Kundus, Gorch Fock…). Bei früheren Verteidigungsministern genügte bereits ein peinliches Foto im Schwimmbecken, und schon wurden sie abserviert.

Das Publikum aber schien Guttenberg und seiner Frau alles zu verzeihen. Oder kann man sich vergleichsweise vorstellen, dass die Frau von Wolfgang Schäuble oder der Mann von Angela Merkel im Privatfernsehen zur Jagd auf Pädophile bläst, die er oder sie vor laufenden Kameras "stellt", statt die Polizei zu informieren? Und auch bei den Öffentlich–Rechtlichen hatte die Hofberichterstattung Konjunktur. Ein 45-minütiges Feature über die Ministerfamilie – hätte es das über die Vorgänger Michael Glos oder Franz Josef Jung gegeben? Nein, hier wurde von Anfang an mit anderen Maßstäben gemessen.

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