Der Rücktritt

"Uns hat interessiert, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten."

Co-Autor Jan Fleischhauer im Interview

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Herr Fleischhauer, wie haben Sie in Ihrer Tätigkeit als SPIEGEL-Journalist den Ex-Bundespräsidenten wahrgenommen?

Jan Fleischhauer: "Vor seinem Sturz als jemanden, der dieses Amt so geliebt hat wie wenige vor ihm. Nach dem Ausbruch der Krise als einen zunehmend verzweifelt um seinen Job kämpfenden Menschen, der bis zum Schluss nie ganz verstanden hat, was mit ihm und seiner Frau geschah."

War der Rücktritt unvermeidlich?

Jan Fleischhauer: "Ab einem bestimmten Punkt sicher. Der Umschlagpunkt war aus meiner Sicht sein verunglückter Fernsehauftritt, danach schlug auch die Stimmung im Publikum um. Aber vorher hätte es eine Reihe von Möglichkeiten gegeben, die Krise zu wenden. Wulff ist auch daran gescheitert, dass er immer nur juristisch argumentiert hat und nicht erkennen wollte, dass dies als Politiker auf Dauer nicht geht. Genau hier lag der entscheidende Dissens mit seinem Sprecher Olaf Glaeseker, der schließlich zum Bruch der beiden führte."

"Der Rücktritt" hat neben rein dokumentarischen Elementen auch einen fiktionalen Teil. Welche Quellen haben Sie für den fiktionalen Teil genutzt?

Jan Fleischhauer: "Vor der Arbeit am Drehbuch stand eine umfangreiche Recherche. Das unterscheidet dieses Projekt sicherlich von vielen anderen. Natürlich ist nicht jeder Dialog wörtlich belegt, niemand hat schließlich ein Tonband mitlaufen lassen, wenn im Schloss Bellevue über einen Ausweg beraten wurde. Aber für jede Szene, die im Film zu sehen ist, gibt es mindestens einen Zeugen, der den von uns geschilderten Ablauf im Wesentlichen bestätigen kann."

Die Handlung im Film dauert 68 Tage. Warum gerade diese Zeitspanne?

Jan Fleischhauer: "Der Film beginnt mit der Anfrage zu dem dann skandalisierten Hauskauf des Ehepaars Wulff in ihrem Heimatort Großburgwedel und endet mit dem Rücktritt am 17. Februar 2012. Thomas Schadt und mir erschien diese Zeit als die natürliche für ein Projekt, wie es uns vorschwebte. Da wir nie vorhatten, im Nachhinein noch einmal ein Urteil über den Fall zu sprechen, war für uns auch nebensächlich, was anschließend an juristischen Nachwehen einsetzte."

Die Medien werden als vierte Macht im Staat dargestellt. Wie bewerten Sie dies als Journalist eines meinungsbildenden Magazins?

Jan Fleischhauer: "Ich bin immer skeptisch, wenn sich Journalisten zu wichtig nehmen. Im Grundgesetz ist jedenfalls an keiner Stelle von den Medien als der vierten Macht im Staate die Rede. Zu große Medienmacht ist den Leuten genau so unheimlich wie eine zu große Macht von Politikern."

"Die Würde des Menschen ist unantastbar". Was denken Sie dabei in Bezug auf den Ex-Bundespräsidenten?

Jan Fleischhauer: "Was den 'Fall Wulff' von vielen anderen unterschieden hat, war die Einhelligkeit in der medialen Bewertung. Normalerweise ist die journalistische Welt bei solchen Affären in zwei Lager gespalten, hier schienen nahezu alle einer Meinung. Das hat viele Bürger irritiert, auch wenn sie selbst vielleicht zu dem gleichen Schluss kamen wie die Kommentatoren. Man sah das auch in den Umfragen: Bis zum Schluss war die öffentliche Meinung gespalten, was Wulffs Rücktritt anging."

Wie lässt sich das Thema Respekt mit dem Film vereinbaren?

Jan Fleischhauer: "Wer den Film sieht, wird feststellen, dass es nicht darum geht, im Nachhinein noch einmal Recht zu behalten. Uns hat am 'Fall Wulff' interessiert, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten, wie sie auf Druck reagieren, welche Fehler sie machen und wo sie vielleicht über sich hinauswachsen. Das ist ein Thema, das über den Tag hinaus Gültigkeit hat."

(Foto: Thorsten Mertens und Christian Ahlers in einer Filmszene aus "Der Rücktritt")

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