Der SAT.1 FILMFILM

"Ich sehe nicht ein, warum ich mich als Vater ständig in der Opferrolle positionieren muss."

Produzent Mirko Schulze über den Titel "Die Mongolettes“

© Hardy Spitz SAT.1

Als Vater einer Tochter mit Down-Syndrom bin ich natürlich fast jeden Tag selbst mit dem Begriff "Mongo“ oder ganz oft "mongoloid“ konfrontiert. Und das höre ich nicht nur von ungebildeten Hinterwäldlern, sondern in der Regel von durchaus gebildeten Menschen mit Abitur und Studium, sehr oft auch von Ärzten (!) und Integrationsbeauftragten (!!!). Also durchaus Menschen von denen man annehmen könnte, dass sie mit Begriffen wie Integration und Inklusion etwas anfangen können. 

Jetzt stehe ich also als Vater vor der Entscheidung, den Rest meines Lebens diese Leute zu korrigieren "Du, Entschuldigung, man sagt nicht "mongoloid“, sondern "Mensch mit Down-Syndrom“, oder besser noch "Mensch mit Trisomie 21“. Und das zu Menschen, die es eigentlich schon besser wissen müssten. Und selbst wenn es mir gelingen würde, Ihnen die Begrifflichkeit einzuhämmern, hätte ich dann ihre Haltung geändert? Ich glaube kaum.

Daher ein Titel wie "Die Mongolettes“. Ganz sicher kein Wohlfühltitel und ganz sicher auch polarisierend, aber nicht wegen der puren Lust an der Provokation. Doch ich sehe nicht ein, warum ich mich als Vater ständig in der Opferrolle positionieren muss und um die "korrekte“ Bezeichnung bitte. Warum darf ich nicht wie die Schwarzen ("Nigger“) oder Homosexuelle ("Schwule“) das Schimpfwort benutzen, um ihm die kränkende Wucht zu nehmen?

Ich bin der Meinung, ich darf das. Das muss nicht jedem gefallen. Aber wäre es nicht ein Zeichen wahrer Inklusion, mir dieses Recht zugestehen? Und ich glaube, dass wir alle, ob betroffen oder nicht, uns dieser Diskussion stellen müssen. Denn ich möchte mich nicht hinter politisch korrekten Bezeichnungen verstecken. Das ist meine Tochter, und ich bin stolz auf sie, egal, wie ihr sie nennt!

Ich möchte ganz klar sagen, dass ich niemanden mit dem Titel verletzen will, aber – und das möchte ich ebenso klar sagen – ich wollte auch keinen "politisch korrekten“ Film machen. Sondern über Jugendliche in der Pubertät. Und die haben in meinen Augen das Recht, ob "behindert“ oder nicht, politisch unkorrekt mit sich und ihrer Situation umzugehen. Das muss nicht jedem passen oder gefallen. Aber ich finde, "Die Mongolettes“ ist ein Name, der diese Haltung ausdrückt. Und dazu stehe ich.

Und wenn der Titel Kontroversen auslöst, halte ich das für die Sache dienlicher, als ein Titel, der suggeriert, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit Behinderten alles richtig machen. Denn das tun wir nicht.Ich glaube, dass die Reaktionen auf den Titel zeigen, wie wichtig diese Diskussion ist. Viele Journalisten schreiben entrüstet von einem "diskriminierenden“ Titel, schreiben aber im gleichen Artikel über "Down-Kranke“, was nicht nur sachlich falsch, sondern mindestens genauso diskriminierend ist. Das Down Syndrom ist eine genetische Disposition, keine "Krankheit“, unter der man "leidet“.

Und wenn Sie mich fragen, warum ich diesen Film gemacht habe, sage ich Ihnen Folgendes. 95% dieser Menschen werden nach einer pränatalen Diagnose abgetrieben. Das heißt 95% der Menschen in diesem Land sprechen Menschen mit Down-Sydrom das Recht zu leben ab. 

Der Film richtet sich an diese 95%, die alle in der Beratung zum Schwangerschaftsabbruch diese politisch korrekten Begriffe gehört haben. Ich maße mir nicht an, mit einem Unterhaltungsfilm, die Lebensentscheidung der Menschen beeinflussen zu wollen. Aber ich nehme mir das Recht, ihnen zu zeigen, wie so ein Leben, was sie nicht wollen, aussehen kann.

Deshalb wollte ich keinen Film über Begrifflichkeiten machen, sondern über Menschen, die vielleicht ein kleines bisschen anders sind als Du und ich, aber genauso in unsere Gesellschaft gehören. Egal wie man sie nennt.

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