Staffel 1, Folge 4: Der Tote
Befragt man die Statistik, was Kinder in ihrer Freizeit treiben, steht Fernsehen oben auf der Liste. 97 Prozent der Kinder schauen täglich Fernsehen, so die World-Vision-Studie „Kinder in Deutschland 2007“. Sehr wichtig ist der Mehrheit der Kinder aber auch, in ihrer Freizeit Freunde zu treffen, ihren Hobbys nachzugehen und mit der Familie etwas zu unternehmen, so die Studie.
Sich in der Freizeit ausgiebig zu bewegen, ist nicht mehr die Beschäftigung Nummer eins der Kinder. Die durchschnittliche Bewegungskompetenz von Kindern hat deshalb in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen, wie das „Motorik-Modul“ der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts ergab, die seit einigen Jahren die Motorik von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. „Nur die Feinmotorik der Finger ist durch das viele Computerspielen besser geworden“, stellte der Studienleiter Prof. Klaus Bös, Sportwissenschaftler an der Uni Karlsruhe, fest.
Kinder werden aber nicht unsportlicher, weil sie nicht mehr in den Sportverein gehen, sondern weil Alltag und Freizeit nicht mehr „bewegt“ sind: Eltern fahren die Kinder nachmittags vielleicht zu ausgewählten Sportaktivitäten. Aber in der Freizeit stundenlang an der frischen Luft zu toben, ist aus der Mode gekommen. Kinder spielen heute in der Freizeit weniger mit anderen im Viertel, sondern drinnen, gern am Computer, und häufiger als früher mit den Eltern. Erziehungswissenschaftler und Soziologen sprechen deshalb von der „Verinselung“ und „Verhäuslichung“ der Kindheit.
Der Grund für die Verhäuslichung der Kindheit liegt vor allem darin, dass Kinder heute weniger Freizeit haben, in der sie mit Freunden und Nachbarskindern draußen rumtoben können. Immer mehr Kinder besuchen Ganztageskindergärten, und auch in der Grundschule werden sie zunehmend bis in den Nachmittag betreut – und dann von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt. Manche Gymnasiasten müssen durch die Verkürzung der Schulzeit am Nachmittag mehr pauken und haben dadurch weniger Zeit, in der Freizeit draußen zu spielen und sich zu bewegen.
Viele Eltern finden, dass ihre Kinder ihre Freizeit sinnvoller verbringen sollten, als einfach draußen rumzustreifen, mit den Nachbarskindern Sticker zu tauschen oder sich in Pfützen die Füße nass zu machen. Ihnen ist es wichtig, dass ihre Kinder jede Bildungschance nutzen, die sich bietet – in der Freizeit am Nachmittag und am Wochenende. „Das staatliche Bildungssystem wird von Eltern als mangelhaft und wenig zukunftsfähig erlebt. Sie verstehen es als ihre Elternpflicht, nur keine Chance auszulassen, und kaufen schon für Kleinkinder Bildung dazu: Englisch für Einjährige, Ökonomie für Vierjährige und vieles mehr“, fasst die Soziologin Christine Henry-Huthmann von der Konrad-Adenauer-Stiftung Ergebnisse der Studie „Eltern unter Druck“ zusammen.
Inzwischen erkennt die Wissenschaft immer deutlicher, dass das von Kindern selbst organisierte, ungeplante Spielen in der Freizeit keine Zeitverschwendung, sondern sogar sehr bedeutsam für die kindliche Entwicklung ist. Hirnforscher und Psychologen stimmen überein: Die kleinen Abenteuer in Nachbars Garten sind Dünger fürs kindliche Gehirn. Um emotional und geistig zu reifen, brauchen Kinder nicht nur in der Freizeit eigene, unvermittelte Erfahrungen.
„Lernen ist Problemlösen. Damit Menschen sich entwickeln, müssen sie sich Schwierigkeiten stellen und sie lösen“, erklärt der Göttinger Hirnforscher Prof. Gerald Hüther. Mitunter klappt dieses selbstständige Problemlösen eben besser, wenn Kinder nicht vom Sporttrainer angeleitet oder vom Kunst-Coach instruiert werden, sondern zum Beispiel in der Freizeit selber einen Flohmarkt auf dem Spielplatz veranstalten oder spontan beim Nachbarskind klingeln, um zum Ententeich zu gehen.
Selbst dröges Nichtstun und Langeweile in der Freizeit sind zeitweise ein wichtiger Entwicklungsmotor, den Eltern nicht unterschätzen sollten. „Langeweile hat enorme Bedeutung für die kindliche Entwicklung“, erklärt der Erziehungswissenschaftler und Familie&Co-Experte Prof. Peter Struck. Kinder müssen dabei nämlich lernen, die eigenen Stimmungen auszuhalten und mit ihnen umzugehen.
Bei allem Eifer, die Freizeit der Kinder sinnvoll zu gestalten, sollten Eltern nicht vergessen: Es ist auch die Phase am Tag, in der Kinder sich erholen und ausruhen wollen. Nicht nur Erwachsene haben mitunter stressige Arbeitstage, genauso kann einen Grundschüler der Mathetest oder der Streit mit dem Sitznachbarn richtig schlauchen. Nachmittägliches Rumhängen ist - zumindest zeitweise - ein echtes Kinderrecht.
Klavier- und Geigenunterricht, Malstunden, Leichtathletik-Training, Ballett oder Yoga – zuviel los in der freien Zeit? Nicht unbedingt. Denn genauso wie Kinder im freien Spiel lernen und viel Spaß haben, ist es erwiesen, dass Kinder in Vereinen, beim Musikunterricht oder anderen organisierten Freizeitaktivitäten wichtige Bildungserfahrungen machen, von denen sie nachhaltig profitieren. Der Sieg der eigenen Fußballmannschaft, die erste Aufführung der Tanzgruppe – all dies sind auch unvergessliche Kindheitserinnerungen, die Kinder selbstbewusst und glücklich machen. Die elterliche Kunst liegt eben darin, das richtige Maß in der Freizeit zu finden.
Die Hamburger Psychologin Dr. Angelika Faas meint dazu: „Kinder brauchen etwas elterliche Anleitung bei der Freizeitgestaltung. Ganz allein bekommen das die wenigsten hin, weil ihnen noch der Überblick fehlt. Zum Beispiel darüber, was in ihrem Alltag wirklich machbar ist und wie zeitintensiv bestimmte Hobbys sind.
Aber genauso gilt: In der Freizeit sollte nichts erzwungen werden. Will ein Kind auch nach der dritten Schnupperstunde nicht zum Ballett – dann eben nicht. Wenn ein Kind allerdings nur einen Durchhänger hat und nach einiger Zeit nicht mehr zum Klavierunterricht oder Fußballtrainig gehen möchte, sollten die Eltern es mit sanftem Druck beim Durchhalten unterstützen.“
Während einige Kinder sich nur schwer für eine Sportart oder ein Musikinstrument begeistern lassen, gibt es andere, die schnell entflammen und am liebsten alles gleichzeitig anfangen möchten. „Auch hier sind Eltern gefordert, die Sache sacht zu steuern“, sagt Angelika Faas. Ihre Tipps:
Kind auswählen lassen: Lassen Sie es unter vier verschiedenen Möglichkeiten – die Sie ohne Mühen finanzieren und organisieren können – zwei Hobbys aussuchen, die das Kind in der Freizeit ausprobieren darf.Drei Monate abwarten: Bevor Sie Trikots, Sportgeräte oder Musikinstrumente anschaffen, sollte Ihr Kind mindestens drei Monate dabei geblieben sein. Das erspart Geld, Frust und Streit.Pause nach vielen Abbrüchen: Wenn Ihr Kind dreimal hintereinander ein Hobby wieder abgebrochen hat, dann machen Sie erst mal ein halbes Jahr Pause, bevor Ihr Kind das nächste Projekt startet. Nicht als Strafe, sondern damit Ihr Kind in Ruhe herausbekommen kann, was es eigentlich wirklich möchte. Unverplante Zeit lassen: Begrenzen Sie die Aktivitäten auf jeden Fall so, dass Ihrem Kind genügend unverplante Zeit bleibt.
Die Hobbys der Kinder sind übrigens weit mehr als nur eine förderliche Beschäftigung in der Freizeit. Sie haben häufig auch etwas mit unserem elterlichen Selbstverständnis zu tun. Angelika Faas sagt: „Es kann für Eltern durchaus erhellend sein, sich in einer ruhigen Minute einmal zu fragen: Warum will ich eigentlich, dass mein Kind zum Ballett geht, Schach spielt, Reiten lernt, Yoga übt oder einen HipHop-Kurs besucht?“ Wenn Kinder mit ihren Hobbys vor allen Dingen die Träume der Eltern verwirklichen sollen, ist das nämlich keine gute Basis.
Welches Hobby Kinder in der Freizeit anfangen, sie müssen auch scheitern dürfen, ohne dass Eltern sich dadurch in ihrem Stolz verletzt fühlen. „Die Freizeit ist ohne Frage ein wichtiger Lernort, an dem Kinder Potenziale entdecken und entwickeln können, aber der Motor sollten vor allen Dingen Spaß und Lust sein und nicht elterlicher Druck“, so Angelika Faas. Viel wirksamer ist sowieso – wie so oft – das elterliche Vorbild. Wer selbst leidenschaftlich Sport treibt, mit Begeisterung ein Instrument spielt oder ambitioniert einem Hobby nachgeht, kann eigentlich ziemlich sicher sein, dass seine Kinder es ihm auf die eine oder andere Weise nachtun werden.
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