Mentale Gesundheit: Was dazugehört

Immer wieder geistern Nachrichten von unglaublichen Gedächtnisleistungen durch die Medienlandschaft. Begriffe wie Gehirnjogging oder „mental workouts“ klingen interessant und beziehen sich meist auf regelrechte Trainingsprogramme zur Steigerung von Memory-Leistungen. Sie treffen den Nerv einer Zeit, in der Menschen dank rasanten medizinischen Fortschritts immer älter werden, und dennoch aktive Teilhabe am modernen Lifestyle erhalten und bewahren möchten. Vor diesem Hintergrund sind es regelmäßig die Nachrichten über Studien aus der Hirnforschung, die gerade ältere Menschen immer wieder erwartungsvoll aufhorchen lassen.

Rentner_Spaziergang
© fotolia / oneinchpunch (#114164148)

Allround-Können ist gefragt

Das Memorieren und Aufsagen teilweise unglaublich lang erscheinender Wort- oder Zahlenketten ist dabei nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von geistigen Dressurübungen, die am eigentlichen ganzheitlichen Kern mentaler Gesundheit vorbei nur den Anspruch auf Erfolg einstudierter Fitnessmuster erheben können.

Denn wer auch in der beginnenden zweiten Lebenshälfte bis hin ins hohe Alter für sich beanspruchen will, mental fit und gesund zu sein und es auch zu bleiben, muss sich über ein „Kreuzworträtsel-Niveau“ hinaus mit einem gewissen Maß an Regelmäßigkeit mit Unregelmäßigem konfrontieren.

Computergestützte Lernprogramme genießen als Vehikel ausgeprägter Gehirnjogging-Kampagnen mittlerweile breiten gesellschaftlichen Konsens und sind seit einigen Jahren schon en Vogue. Was von vielen dabei übersehen wird: Das schiere Auswendiglernen von Zahlenketten in Rekordgeschwindigkeit beleuchtet jedoch nur einen Teilaspekt mentaler Fitness und Gesundheit und spricht nur eine ganz bestimmte Hirnregion an.

Vielmehr sollte aus Sicht einiger Gehirnforscher ein eher ganzheitlicher Ansatz im Zentrum des Interesses nicht nur vieler älterer Mitmenschen stehen.

Wenn es um Gesunderhaltung und Training geistiger Fähigkeiten geht, sollten neben allgemeiner Merkfähigkeit auch noch andere Aspekte wie etwa

  • Orientierungssinn
  • Kombinationsvermögen
  • generelle Lernfähigkeit
  • Entwicklung und Pflege sozialer Kompetenzen

und einiges mehr mit in die Vorstellung dessen mit einbezogen werden, was landläufig unter „geistig rege zu sein“ verstanden wird.

Multi-Tasking und das Aufbrechen von Routine

In einer Stärkung visueller Aufnahmefähigkeit und Auffassungsgabe liegt der Schlüssel zu mentaler Gesundheit und Fitness.

So jedenfalls lautet das Fazit der Alterswissenschaftlerin Jerri Edwards von der University of South Florida in Tampa, die sich in über 50 Studien mit dem Thema psychischer Gesundheit und Fitness auseinandersetzte.

Um degenerativen Prozessen bis hin zur Entstehung von Depressionen und Demenz vorzubeugen, sei eine spezielle Form des Gehirnjoggings, das sogenannte "Speed of Processing"-Training von entscheidender Bedeutung.

In einem bestimmten Forschungsszenario wurde dabei eine Probanden-Gruppe mit dem Identifizieren eines bestimmten Objekts aus einem Suchbild konfrontiert. Ziel sollte sein, ähnlich wie beim bekannten Memory-Spiel den Identifikationsprozess durch Trainingswiederholungen zu beschleunigen und zu optimieren.

Gleichzeitig jedoch wurden die Betroffenen - eher untypisch für viele Gehirnjogging-Programme - parallel vor eine zweite Aufgabe gestellt: Sie sollten in einem zweiten Sichtfenster zeitgleich darin auftauchende Gegenstände umfassend wahrnehmen und ihre Eigenschaften anschließend möglichst vollständig wiedergeben.

Der Effekt: Durch die Doppelbelastung konnte nachweislich die visuelle Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe der Gruppe mit der Zeit nachhaltig gestärkt und beschleunigt werden. Die Forscherin fand heraus, dass durch regelmäßige Mehrfachbeanspruchung mit zwei parallel geöffneten Sichtfenstern die Fähigkeit der Testpersonen auf Dauer zunahm, den gesuchten Gegenstand immer schneller im Suchbild wahrzunehmen – auch dann, wenn sich die verschiedenen Objekte in den beiden Suchfenstern stärker ähnelten.

Im Vergleich mit einer Gruppe, die jeweils nur mit einer Übung regelmäßig konfrontiert war, schnitt die parallel trainierte Gruppe in anschließenden Reaktionstests im Straßenverkehr wesentlich besser ab und zeigte schnelleres Reaktionsvermögen und erhöhte Aufmerksamkeit.

Ihr Fazit: Solche Parallelbelastungen tragen wesentlich dazu bei, mentale Fitness in Form geistiger Flexibilität maßgeblich zu steigern. Sie kommt in Form gesteigerter

  • Auffassungsgabe und
  • Reaktionsschnelligkeit

lebendig zum Ausdruck.

Nach über 50 Langzeitstudien sah sich die Forscherin nahezu folgerichtig in ihren Ergebnissen bestätigt, als weit weniger Personen in der trainierten Probandengruppe in einem langjährigen Untersuchungszeitraum

  • ihren Führerschein abgeben mussten
  • deutlich seltener unter Depressionen litten.

Auf die Mischung kommt es an

Noch einen Schritt weiter geht der Demenz- Experte Dr. Martin Haupt, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und Gerontopsychotherapie. Er widersetzt sich gängigen Ansichten von Befürwortern kommerzieller Gehirnjogging-Programme und -Apps und plädiert für Routine-Vermeidungsstrategien , bestehend aus ständig wechselnden Gedächtnisübungen in Kombination mit körperlicher Bewegung.

Vor dem Hintergrund könnten seiner Einschätzung nach nur solche Ratgeber und Programme zum erfolgreichen Gehirntraining etwas zum wirksamen Schutz vor altersbedingten Abbauprozessen beitragen, die verschiedenste Aspekte wie

- gesunde und ausgewogene Ernährung

- körperliche Fitness

- ausreichend Schlaf

- eine zufriedene, positive Lebenseinstellung

mit Augenmaß miteinbeziehen.

Um altersbedingten Erinnerungsproblemen aktiv entgegen wirken zu können, sind viele Gehirnjogging -Programme ungeeignet, da sie zu einseitig nur bestimmte Gehirnbereiche stimulieren.

Zwar sind Leistungserfolge im Perfektionieren bestimmter Hirnleistungen trainierbar, die Trainingsszenarien zur Schulung einseitiger Denkroutinen sind jedoch allzu weit von realistischen Alltagssituationen entfernt, denen der Mensch in seiner bisweilen belastenden Komplexität ausgesetzt ist.

Neugierig bleiben!

So beherrscht ein bunter Mix aus Anforderungen den Alltag, dem ein Automatisieren von Denkabläufen wie etwa beim Kreuzworträtsel-Lösen oder Auswendiglernen von Texten nicht gerecht werden kann.

Um komplexe Prozesse auch mit zunehmendem Alter durch erhöhte geistige Flexibilität besser beherrschen zu können, sollten sich Betreffende auf verschiedenste Weise fordern und fördern.

Hierzu besonders geeignet ist etwa

  • das Erlernen einer komplett neuen Sprache
  • das komplette Organisieren eines Kindergeburtstags
  • das Einlesen und Vertiefen in eine neue, bislang noch völlig unbekannte Thematik
  • das regelmäßige Knüpfen neuer sozialer Kontakte oder auch
  • ein regelmäßiger Austausch mit Mitmenschen und Pflegen sozialer Kontakte.

So kann auch die Pflege eines komplett neuen Hobbies inklusive der damit verbundenen Kontakte mit Gleichinteressierten oder auch das Einbringen in einen gemeinnützigen Verein nach Berufsende einen aktiven Beitrag dazu leisten, geistig rege und mental gesund zu bleiben.

Hinter allem steckt ein wertvolles Bekenntnis zur Neugierde, die sich der alternde Mensch bewahren sollte. Aber auch ein tägliches, mindestens 20-minütiges intensives Vertiefen in eine bekannte Thematik kann bereits nach zwei bis drei Monaten erste sichtbare Erfolge zeitigen.

Parallel dazu kann tägliche Bewegung, etwa in Form ausgedehnter Spaziergänge oder Gymnastik nur helfen, die Sauerstoffversorgung für einen funktionierenden Gehirnstoffwechsel zu optimieren und so maßgeblich zur dauerhaften geistigen Hygiene wirkungsvoll beizutragen.

Hier geht's zum Google Plus Profil von "Tippstricks Ratgeber" Google+

Das könnte Sie auch interessieren:

Fan werden