Ratgeber

Energetisch sanieren – Lohnt sich das noch?

Mit dem Energiekonzept 2010 der Bundesregierung sollte ein weiterer Schritt in Richtung Energiewende unternommen werden, indem vor allem der Wärmebedarf in Wohngebäuden dank energetischer Sanierungsmaßnahmen gesenkt wird. Doch die Ziele drohen zu scheitern, auch weil in Deutschland lieber abgerissen anstatt saniert wird.

Große Baggerschaufel über Schutt
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Als „Klimakanzlerin“ bezeichnete sich Angela Merkel gerne, wenn es darum ging, die Bundesrepublik international in puncto Energiewende zu vertreten. Eine Vorreiterrolle wollte Deutschland in der Energiewende einnehmen. Und die Deutschen zogen eifrig mit. Sie schraubten Energiesparlampen in Lampenfassungen und achteten beim Kauf neuer Elektronikgeräte auf eine hohe Energieeffizienzklasse.

Mit dem „ Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung “, das vom Bundeskabinett bereits am 28. Oktober 2010 beschlossen wurde, griff die neue ökologische Ausrichtung einer der größten Industrienationen der Welt auch in den Bausektor ein. Bis 2050 sollen alle in Deutschland stehenden Wohngebäude klimaneutral sein, de facto also kein CO2 mehr ausstoßen.

Als erstes Etappenziel wird das Jahr 2020 angepeilt. Bereits in vier Jahren soll der Wärmebedarf in Gebäuden um 20 Prozent im Vergleich zu 2010 gesunken sein. Doch dieses Ziel werde verfehlt, heißt es nun in einem Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaft Köln (IW), welches der WELT vorliege. Grund hierfür sei vor allem die geringe Sanierungsrate. Denn trotz staatlicher Fördergelder für energetische Umbauten werden Häuser in Deutschland eher abgerissen als saniert. Und dies hat seine Gründe.

Verfehlte Energiepolitik in Deutschland

In Deutschland entfällt rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs auf Gebäude. Circa 30 Prozent der aktuellen Treibhausgasemission resultiert aus dem Energieverbrauch in Häusern, Büros und Co. Dass die Bundesregierung gerade hier ansetzen möchte und muss, um ihre gesteckten Klimaziele zu erreichen, das erscheint angesichts dieser Zahlen nur logisch.

Und dennoch sind es die statistischen Zahlen, die gegen sie sprechen: Denn hierzulande bleibt die erhoffte energetische Revolution in Gebäuden bislang aus. Die jährliche Sanierungsquote in Deutschland liegt gerade einmal bei einem Prozent. Als Grund führen viele den niedrigen Ölpreis an. Geheizt werden kann derzeit relativ günstig, warum also energetisch sanieren, fragen sich viele Eigentümer.

Doch beim niedrigen Ölpreis liegt nur die halbe Wahrheit. Denn beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass die Zahl an Gasheizungen weiter steigt – und das trotz des anhaltenden oder sogar steigenden Preises für Erdgas. Die Gründe sind also anderswo zu finden. „Die Politik der vergangenen Jahre muss grundsätzlich überdacht werden“, meint Dr. Ralph Henger vom Deutschen Institut für Wirtschaft. Vor allem die Klimaziele seien zu optimistisch.

Dies hänge auch damit zusammen, dass sich eine vollständige energetische Sanierung für viele Hauseigentümer ganz einfach nicht rechne. Anstatt auf eine vollständige Haussanierung zu setzen, müsse eher das Ziel verfolgt werden, „in der Breite zu sanieren, um den Energiebedarf langfristig zu senken“, so Henger weiter. Doch welche finanziellen Hilfen bieten sich umweltbewussten, aber auch ökonomisch denkenden Eigentümern eigentlich?

Fördergelder genügen in der Regel nicht

Aus technischer Sicht sind die Möglichkeiten durchaus vorhanden, seinen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Moderne Heizungen zum Beispiel reduzieren die Energiekosten und schonen die Umwelt.

Ein Beispiel: Ein unsaniertes Einfamilienhaus, Baujahr 1980, mit 150 m² Wohnfläche und Gasheizung weist Energiekosten von rund 250 Euro im Monat auf. Nach der Modernisierung von Fenster und Heizung und Dämmung sinken die Energiekosten im ersten Jahr bereits auf 100 Euro monatlich.

Mittlerweile ist sogar nicht einmal mehr der Gang zum Fachhandel vonnöten. Einfach Fenster, Türen oder die Heizung online bestellen, einbauen und fertig. Das Problem liegt aber nicht in der Verfügbarkeit, sondern vielmehr in den Anschaffungs- und Sanierungskosten allgemein.

Deshalb wirbt der Fiskus eifrig, um die Förderkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Um allerdings in den Genuss eines möglichst hohen Investitionszuschusses zum Eigenkapital bzw. an Tilgungszuschüsse zum Darlehen zu gelangen, müssen sogenannte KfW-Standards eingehalten werden. Diese berufen sich auf die Energieeinsparverordnung ( EnEV ). Diese definiert konkrete Höchstwerte beim Energiebedarf bzw. –verbrauch, die ein Effizienzaus in Relation zu einem Referenzgebäude einhalten muss, um an Fördergelder zu gelangen.

Soll heißen: Je niedriger der Standard-Wert ausfällt, desto besser das Energieniveau und desto attraktiver die Förderung. Allerdingst sind die Auflagen für den niedrigsten und stark geförderten KfW-Standard 55 derartig streng, dass sich selbst bei einer Eigeninvestition von mehreren zehntausend Euro, KfW-Fördergeldern und Zuschüssen vom Land die eingesparten Heizkosten in Relation zu den Investitionskosten für eine notwendige Vollsanierung nicht rechnen. Bei derzeit circa 6 Cent/kWh ist für viele laut dem IW-Gutachten lediglich eine Sanierung bis zum KfW-Standard 85 rentabel.

Utopische Ziele behindern Energiewende

Die derzeit äußerst strengen Richtlinien der KfW verhindern also, dass in Deutschland weiter in die energetische Sanierung von Gebäuden investiert wird. Bis 2010 wurden allerdings auch Sanierungsmaßnahmen nach dem weniger strengen KfW-Standard 130 gefördert. Als dann Mitte des Jahres der Förderanspruch aufgehoben wurde, gingen auch die Zahlen der geförderten Wohneinheiten zurück. Würde man allerdings auch Teilsanierungen finanziell wieder attraktiver gestalten, so könnten die im Energiekonzept 2010 definierten Klimaziele für 2020 kurioserweise zumindest noch in Teilen erreicht werden.

Neben dem finanziellen Problem bestehen aber auch grundsätzliche Schwierigkeiten bei einer kompetenten Energieberatung, die viele Eigentümer ganz einfach nicht erreichen. So sollen zukünftig nun auch Handwerksbetriebe vor Ort in den einzelnen Regionen zu offiziellen Energieberatern ernannt werden, damit Interessierte direkt in ihrer Region Hilfe finden.

Darüber hinaus sieht sich die Bundesrepublik aber auch mit dem Widerstand vieler Mieterverbände konfrontiert. Denn gerade bei Mehrfamilienhäusern werden energetische Umbauarbeiten häufig dazu genutzt, den Mietpreis in die Höhe zu treiben. „Wir haben es vereinzelt aufgrund der Wohnungsmarktsituation mit energetischen Gebäudesanierungen zu tun, die überhaupt nicht das Ziel des Klimaschutzes in sich bergen, sondern hier geht es darum, dass man viel Geld im Rahmen der Sanierung verdienen kann“, so Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins .

Auf der anderen Seite ist es gerade in strukturschwachen Regionen überhaupt nicht möglich, Sanierungskosten auf die Mieten umzulegen. Hier käme eine Vollsanierung für die meisten Eigentümer daher erst gar nicht infrage. Die Bundesregierung steht folglich vor der Herausforderung, sowohl den rechtlichen Rahmen zu schaffen, um Mieter und Eigentümer vor horrenden Kosten zu schützen, zeitgleich aber genügend individuelle Anreize zu schaffen, damit zukünftig wieder vermehrt in energetische Sanierungsarbeiten investiert wird.

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