17:30 SAT.1 Bayern

"Road Rage" ist kein Einzelfall

Wilder Westen auf der Autobahn

Das Internet ist mittlerweile voller "Road Rage"-Videos von Verkehrsteilnehmern, die den Irrsinn auf Deutschlands Straßen aufzeichnen. Brummi-Fahrer Michael Sättler landete mit seinem Video einen Facebook-Hit.

Michael Sättler liebt seinen Job. Schon seit vielen Jahren kutschiert der Berufskraftfahrer Waren quer durch die Republik. Wie so häufig war er kürzlich in einer Lkw-Kolonne auf der A3 im Kreis Straubing-Bogen unterwegs. In einem günstigen Moment scherte er aus, um seinen Vordermann zu überholen, als von hinten ein blauer Nissan heran schoss. "Der kam mit einem Lichthupenkonzert. Danach hat er sich vor mich gesetzt und gebremst", berichtet Sättler. Eine Situation, die dem Fernfahrer nicht unbekannt ist. Aber dieser Fall war anders. Denn anstatt nach dem Bremsmanöver wieder zu beschleunigen, reduzierte der Autofahrer weiter sein Tempo. "Ich wollte ihn überholen, da hat er wieder Gas gegeben. Als ich zurücksteckte, bremste er wieder", erinnert sich Sättler.

Zehn Minuten sei dieses Schauspiel kilometerlang so gegangen. Irgendwann reichte es dem Brummipiloten, der sein Handy zückte und die Aktion fast vier Minuten lang aufzeichnete. Aus Wut und Entsetzen lud er das Video auf seinem Facebook-Account hoch und löste damit ungewollt einen viralen Hit aus. Fast eine Millionen Mal wurde der Clip mittlerweile angeschaut und auch die Polizei ist aufmerksam geworden. "Wir haben über verschiedene Umwege Kenntnis von dem Vorfall erhalten und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Derzeit laufen die Vernehmungen, theoretisch ist eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren möglich", erklärt Günther Tomaschko vom Polizeipräsidium Niederbayern.

Für Anwalt Prof. Dr. Jan Bockemühl ist die Sache angesichts des Videos eindeutig: "Das ist der klassische Fall von Nötigung. Der Fahrer muss damit rechnen, dass ihm der Führerschein entzogen wird."

Wer glaubt, dass es sich hier um einen Einzelfall handelt, der irrt. Das Internet ist mittlerweile voller "Road Rage"-Videos von Verkehrsteilnehmern, die den Irrsinn auf Deutschlands Straßen aufzeichnen. Als einen Grund sieht Sebastian Lechner vom Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen die zunehmende Dichte im Güterverkehr:

"Die Infrastruktur ist überlastet. Auch Lkw-Fahrer verhalten sich nicht immer einwandfrei, wenn ich an Elefantenrennen oder plötzliches Einscheren denke. Es ist eine Mixtur, die dazu beiträgt, dass die Nerven manchmal blank liegen."

Kevin Werner und Benedikt Scheugenpflug kennen das Problem von Michael Sättler derweil sehr gut. Auch sie sind als Berufskraftfahrer auf den Autobahnen unterwegs. "Das Unverständnis wird immer schlimmer. Beim Überholen wird Lichthupe gegeben oder es wird geschimpft", so Werner, der selbst einen ähnlichen Fall einmal gefilmt hatte. Und Scheugenpflug pflichtet ihm bei: "Sowas erlebt man leider fast schon jeden Tag. Die Fronten verhärten sich immer mehr." Auch sie berichten von Fällen, wo sie von Autofahrern nach Überholmanövern bedrängt wurden. "Den Autofahrern ist nicht bewusst, was wir da transportieren. Sonst liefe das anders."

Der ADAC mahnt deshalb alle Verkehrsteilnehmer zu mehr Ruhe und Sorgsamkeit. "Es sollte mehr partnerschaftliches Verhalten gezeigt und mehr das Miteinander gelebt werden. Jeder sollte seinen Beitrag leisten, um solche Situationen zu entspannen", appelliert Wolfgang Liebert vom ADAC Nordbayern. "Man sollte Fehler des anderen auch einmal hinnehmen und nicht immer andere maßregeln", fügt Tomaschko an.

Die Beamten ermitteln derweil weiter und werten die Videoaufnahmen aus. Übrigens: Auch für Fernfahrer Sättler könnte es noch ein Nachspiel geben. Da er das Video mit seinem Handy am Steuer aufgenommen hat, droht nun auch ihm ein entsprechendes Bußgeldverfahren.

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