Fahndung Deutschland

Niklas P. (†)

Mit Absicht ermordet?

Auf dem Heimweg von einem Konzert wird Niklas P. angepöbelt und verprügelt. Eine Woche später stirbt der 17-Jährige im Krankenhaus - offenbar an den Folgen eines Trittes gegen seinen Kopf. Ein Gutachten wendet den Fall und stellt die Justiz vor eine Herausforderung.

30.08.2016 17:17 Uhr / Andreas Wolf

7. Mai 2016, rund 20 Minuten nach Mitternacht: Niklas P. aus Bad Breisig (Rheinland-Pfalz) ist mit Freunden auf dem Heimweg von einem Konzert. Am Bahnhof Bonn-Bad Godesberg, in Höhe der Bushaltestelle „Rheinallee“, treffen sie auf mehrere junge Männer. Sie bepöbeln Niklas und dessen Freunde.

Ein Mann aus der Gruppe schlägt offenbar mit der Faust gegen Niklas‘ Schläfe. Der Schüler geht bewusstlos zu Boden, erhält Tritte gegen den Kopf.

Eine Woche später stirbt der 17-jährige Niklas im Krankenhaus.

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© Fahndung Deutschland

Das rechtsmedizinische Gutachten ergibt: Niklas ist nicht an den Tritten gegen seinen Kopf gestorben. Sein Hirn und dessen Gefäße waren vorgeschädigt. „Todesursache war der Riss einer Ader im Gehirn“, erklärt Robin Faßbender, Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn. Bereits ein leichter Schlag gegen Niklas' Kopf hat gereicht, um die Gefäße im Hirn platzen zu lassen.

Niklas P. fiel durch einen Schlag zu Boden. Dann soll ein 20-jähriger Hauptverdächtiger dem Schüler gegen den Kopf getreten haben, mit voller Wucht. „Bisher sind wir davon ausgegangen, dass der Tritt todesursächlich war“, erläutert Faßbender.

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Niklas P. | © privat

Diesen Schluss könne die Staatsanwaltschaft nun nicht mehr folgern. „Man kann nicht sicher sagen, dass der Verdächtige mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt hat“, erklärt Faßbender. Der Vorwurf des Totschlags könne nicht aufrechterhalten werden.

Der Tritt gegen den Kopf des wehrlos am Boden liegenden Niklas hätte im Normalfall keine schweren Folgen gehabt, steht im Gutachten. Rechtsmediziner fanden keine Verletzungen, die zu erwarten wären, wenn ein Mensch einer massiven Gewalteinwirkung gegen den Kopf ausgesetzt ist. Der tödliche Riss der Hirn-Ader sei durch einen Schlag ausgelöst worden, der dem Tritt vorausgegangen war.

Tötungswille nicht sicher nachweisbar

Zum Tod geführt habe wegen Niklas‘ Vorschäden der erste Faustschlag, berichtet das Landgericht Bonn. Der Hauptverdächtige habe wohl mit der Absicht zugeschlagen, den Körper zu verletzen; „nicht aber mit Tötungsvorsatz gehandelt“, erklärt das Gericht.

Die Staatsanwaltschaft hat beim Landgericht beantragt, die Anklage gegen den mutmaßlichen Haupttäter zu ändern: von Totschlag auf Körperverletzung mit Todesfolge. Das Landgericht hat noch nicht entschieden, den Haftbefehl zu ändern.

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Kerzen und Blumen am Tatort zum Gedenken an Niklas P. | © Fahndung Deutschland

Der Hauptverdächtige sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hat beim Landgericht beantragt, den Haftbefehl gegen ihn aufrechtzuerhalten. Es bestehe die Gefahr, dass der Beschuldigte erneut Gewalttaten begeht, erklärt Faßbender.

Der Hauptverdächtige bestreitet die Tat. Sein Anwalt hat eine Haftbeschwerde eingelegt.

Parallelen zum Fall Dominik Brunner

Niklas‘ Tod erinnert an den Mord Dominik Brunners in München am 12. September 2009. Der damals 50-jährige Manager wurde von zwei Jugendlichen am Münchener S-Bahnhof Solln verprügelt – nachdem er vier Schüler vor Attacken dieser Jugendlichen geschützt hatte.

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Dominik Brunner | © Fahndung Deutschland

Brunner starb; nicht durch die Tritte als er wehrlos am Boden lag, sondern durch einen Herzanfall, vermutlich wegen Aufregung. Medizinische Untersuchungen zeigten, dass Brunners Herz vergrößert war. Mit einem gesunden Herzen hätte er wohl überlebt.

Im Fall Brunner verurteilte das Landgericht München einen Angeklagten zu neun Jahren und zehn Monaten Haft – wegen Mordes und versuchter räuberischer Erpressung. Der Mitangeklagte erhielt sieben Jahre Haft, wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung mit Todesfolge. Bei beiden Tätern griff das Jugendstrafrecht.

Die Staatsanwaltschaft München hatte die Täter wegen Mordes angeklagt. Die Strafkammer folgte der Anklage somit weitgehend.

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Blumen zum Gedenken an Dominik Brunner am Tatort, dem Bahnhof München-Solln | © Fahndung Deutschland

Für das Münchener Gericht und die Urteile war unerheblich, dass Brunner nicht direkt durch die Schläge und Tritte starb. Das Gericht wertete die angewandte Gewalt der Täter als Ursache für Brunners Tod. Ohne diese Gewalt wäre er folglich nicht gestorben.

Entscheidend: Mit Tötungsabsicht geprügelt?

Bei Niklas P. steht das Landgericht Bonn im Falle eines Prozesses vor der Herausforderung, abzuwägen, ob der oder die mutmaßlichen Täter während der Prügelattacke erwarten konnten, dass Niklas P. durch Tritte und Schläge beziehungsweise deren Folgen stirbt.

Das Gericht wird entscheiden müssen, ob Niklas P. beim vergleichsweise leichten, ersten und tödlichen Schlag getöten werden sollte und ob eine solche „bedingte Tötungsabsicht“ beim folgenden, nicht tödlichen Tritt an seinen Kopf vorlag.

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