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Prävention Häusliche Gewalt

Keine Privatsache

Schubsen, ohrfeigen, schlagen, demütigen, beleidigen: Häusliche Gewalt ist vielfältig, kennt körperliche und psychische Facetten. Rund jede vierte Frau in Deutschland ist betroffen. Doch auch Männer werden Opfer gewalttätiger Frauen.

13.09.2016 16:35 Uhr / Sat.1
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Gewalt in der Familie ist die am häufigsten ausgeübte Gewalt in unserer Gesellschaft. Ein Bericht der Bundesregierung hielt diese Tatsache erstmals 1990 offiziell fest.

Wer ist betroffen?

Vor allem Frauen. Sie werden überwiegend Opfer von männlicher Gewalt. Wissenschaftliche Studien - etwa vom Bundesministerium für Familie - zeigen, dass circa jede vierte Frau (im Alter zwischen 16 und 85 Jahren) in ihrem Leben von einem Lebenspartner körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfährt - mindestens einmal.

Rund jede zehnte Frau in Deutschland erlebt schwere und wiederholte Gewalt in Beziehungen. In Deutschland fliehen jährlich rund 45.000 Frauen mit ihren Kindern in ein Frauenhaus.

Frauen erleben Gewalt gewöhnlich in mehreren und vielfältigen Erscheinungsformen: physisch und psychisch. Männer setzen in Beziehungen eine breite Palette von Mitteln ein, um Frauen zu beherrschen und kontrollieren.

Häusliche Gewalt
Tradition in deutschen Wohnungen: häusliche Gewalt | © Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt: Nach Statistiken der Polizei Berlin wurde im Jahr 2013 rund jede vierte angezeigte Straftat von Frauen begangen. Die Polizei Stuttgart berichtete 2015 anhand interner Statistiken über einen Anteil von rund zehn Prozent weiblicher Täter. Bundesweite Zahlen gibt es nicht.

Häusliche Gewalt ist meist kein einmaliges Ereignis, sondern ein sich wiederholender Rechtsverstoß. Oft häuft sich die Gewalt und intensiviert sich dabei. Studien zeigen: Wird Gewalt von Lebenspartnern angewandt, sind die Opfer häufiger von wiederkehrender Gewalt betroffen und werden häufiger verletzt.

Körperliche und sexuelle Gewalt begehen vor allem Täter im engeren sozialen Umfeld: 14,5% aller sexuellen Gewalttäter sind Fremde.

(Quelle: Niedersächsiches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung )

Auch internationele Studien zeigen, dass Gewalt gegen Frauen schwerwiegend ist: Circa jede dritte Frau, die 1998 in den USA getötet wurde, war Opfer ihres Ehemanns, Ex-Ehemanns, Freundes oder Ex-Freundes (FBI-Studie). Rund jede zweite getötete Frau in Großbritannien wurde Opfer ihres (Ex-)Partners (britische Studie).

Der Begriff “häusliche Gewalt”

... bezeichnet Gewaltstraftaten zwischen Personen

  • in einer partnerschaftlichen Beziehung,
    • die besteht, aufgelöst wird oder aufgelöst ist.

... und zwischen Personen,

  • die in einem Angehörigenverhältnis zueinander stehen.

Taten, die als häusliche Gewalt gelten:

Bei körperlichen Übergriffen handelt es sich um ein breites Spektrum unterschiedlicher Gewalthandlungen:

  • wütendes Wegschubsen
  • Ohrfeigen
  • Schlagen mit Gegenständen
  • Verprügeln
  • Gewaltanwendungen mit Waffen.

Sexuelle Übergriffe beziehen sich auf eine enge Definition "erzwungener sexueller Handlungen", heißt: Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Zwei Drittel der betroffenen Frauen haben schwere oder sehr schwere körperliche oder sehr schwere sexuelle Gewalt erlitten.

Häusliche Gewalt muss nicht körperlich geschehen. Auch psychische Gewalt zählt.

  • Demütigungen
  • Beleidigungen
  • Einschüchterungen

Die Polizei stellt klar:

  • Häusliche Gewalt ist unter den genannten Bedingungen eine Straftat - unabhängig vom Tatort, auch ohne gemeinsamen Wohnsitz.
  • Häusliche Gewalt ist kein Tabu-Thema, keine Privatsache, sondern kriminelles Unrecht.

Zeiten ändern sich

Früher wurde häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit stark tabuisiert oder verharmlost. Heute ist die Einstellung verbreitet, dass Gewalt in Beziehungen nicht bloße "Streitigkeiten" oder "Ruhestörungen" sind, sondern Gewalttaten, die fast nur von Männern an Frauen begangen werden (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik ). Zumindest indirekt sind auch Kinder von dieser Gewalt betroffen.

Ängstliches Mädchen
Auch Kinder leiden unter häuslicher Gewalt | © Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Kinder, die in ihrer Familie lernen, Konflikte durch Gewaltmuster zu lösen, Gewalt erfahren oder beobachten, neigen oft dazu, später gewalttätig oder Opfer von Partnergewalt zu werden. Deshalb fordert die Polizeiliche Kriminalprävention des Bundes und der Länder, dass häusliche Gewalt verhindert und umgehend gestoppt werden muss.

Ausweglose Situation

Opfer häuslicher Gewalt empfinden ihre Situation oftmals als ausweglos. Aus mehreren Gründen.

  • Wo sie Geborgenheit erwarten, erleben sie Gewalt, denn der Täter ist oder war ein geliebter Mensch.
  • Bedrohung, Isolation und Kontrolle durch den gewalttätigen Partner verunsichern und erschüttern das Selbstwertgefühl.
  • Häufig sind Kinder betroffen. Deshalb geht für Erwachsene mit allen Folge-Entscheidungen häufig die Sorge einher, den Kindern "einen Elternteil wegzunehmen", falls sich Gewalttäter und Opfer trennen.
  • Oft bestehen finanzielle Abhängigkeiten zwischen Opfer und Täter. Das erschwert den Schritt zur Trennung.

Was Opfer tun können:

  • Einzelheiten zu den Vorfällen notieren.
  • Hilfe holen!
    • Bei Bedarf einen Arzt aufsuchen. 
      Nennen Sie ihm den Ursprung der Verletzungen und lassen Sie die Verletzungen attestieren, eventuell fotografieren.
    • Eine Person Ihres Vertrauens kontaktieren.
    • Eine Beratungsstelle oder Interventionsstelle für Häusliche Gewalt kontaktieren.
    • Die Polizei benachrichtigen, Anzeige erstatten
      • Im akuten Fall die Notrufnummer 110 wählen.
  • Den Gewaltkreislauf durchbrechen!
    Opfer können zum Schutz vor Gewaltstraftaten eine Schutzanordnung beim Familiengericht beantragen. Dadurch wird ihnen die Wohnung vorübergehend zur alleinigen Nutzung zugewiesen. Täter dürfen die Wohnung nicht mehr betreten, eventuell auch keinen Kontakt zum Opfer aufnehmen.

Was das Gesetz tun kann:

Wer gegen eine vollstreckbare gerichtliche Anordnung nach dem Gewaltschutzgesetz ( GewSchG ) verstößt, begeht eine Straftat. Diese kann (nach § 4 GewSchG) eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe kosten.

Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht dem Familiengericht, Tätern langfristig zu verbieten, die gemeinsamen Wohnung zu betreten - eine wichtige Voraussetzung, um eine Gewalt-Eskalation in der Familie oder Beziehung zu unterbrechen. Das Gericht kann zusätzlich unter anderem

  • die Kommunikation über Telekommunikationsmittel (Anrufe, Fax, E-Mail, SMS) untersagen,
  • "Näherungsverbote" aussprechen,
  • Täter verpflichten, gefährdeten Personen die gemeinsam genutzte Wohnung zu überlassen
    • unabhängig der Frage, wer Eigentümer oder Mieter der Wohnung ist
    • zumindest befristet (höchstens sechs Monate, eine Verlängerung um sechs Monate ist möglich).

Was die Polizei tun kann:

  • Sie kann eine schnelle, wirksame und nachhaltige Gefahrenabwehr zum Schutz des Opfers leisten, indem sie
    • die Tatverdächtigen aus der gemeinsamen Wohnung und dem unmittelbar angrenzenden Bereich verweist
    • ein Betretungsverbot gegen die Tatverdächtigen für maximal 14 Tage ausspricht.
      Das Verbot gilt für Orte, an denen sich die verletzte oder gefährdete Person regelmäßig aufhält, etwa:
      • die Wohnung 
      • den unmittelbar angrenzenden Bereich
      • die Arbeitsstätte oder die Ausbildungsstätte
      • bestimmte andere Orte
    • eine qualitativ hochwertige Beweissicherung zur Strafverfolgung erhebt.
Häusliche Gewalt - Opfer-Beratung
Opfer von häuslicher Gewalt können sich beraten lassen | © Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

Damit Polizei und Justiz die Opfer schnell und effektiv vor häuslicher Gewalt schützen können, müssen Opfer die Vorfälle öffentlich machen!

Ursachen häuslicher Gewalt

  • Die Vereinten Nationen erklären sich die Ursachen häuslicher Gewalt gegen Frauen wie folgt: als Ausdruck der - historisch bedingten - ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau. Die ungleichen Machtverhältnisse hätten dazu geführt, dass Frauen durch Männer beherrscht, diskriminiert und gehindert wurden, sich voll zu entfalten.
  • Misshandlungen geschehen nicht wegen einem einmaligen Kontrollverlust, sondern dienen dazu, Macht und Kontrolle über das Opfer auszuüben.
  • Sind die Täter alkoholisiert, kann das die Gewalttat beeinflussen. Alkohol ist aber meist nicht der Grund für die Misshandlung.

Folgen häuslicher Gewalt

  • Alle Formen von Gewalt können psychische Beeinträchtigungen oder Schäden bewirken – unabhängig vom Täter.
  • Besonders schwer sind die Folgen bei sexueller Gewalt.
  • Gefährliche Zeiten für Opfer sind vor allem Schwangerschaften und Trennungen.
  • Kinder sind nicht nur "mitbetroffen" von Gewalt in den Familien: Kinder, die Gewalt gegen ihre Mutter beobachten, können Kinder werden - das kann auf Kinder die gleiche Wirkung haben wie eine körperliche Misshandlung.
  • Die Folgekosten von Männergewalt in der Bundesrepublik werden auf etwa 14,8 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt – inklusive Kosten für Justiz, Polizei, Arzt-Behandlungen, Ausfallzeiten am Arbeitsplatz usw.

Anlaufstellen für Opfer

In Deutschland gibt es viele Anlaufstellen für weibliche Opfer und weniger Anlaufstellen für männliche Opfer. Hier eine Auswahl für eine möglichst sofortige Hilfe:

  • Notrufe für Frauen und Frauenhäuser,
    etwa das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen":
    • Über 08000 116 016 und per Chat können sich Betroffene, Angehörige, Freunde und Fachkräfte beraten lassen.
    • bundesweit, jeden Tag, rund um die Uhr, anonym, kostenlos
    • Qualifizierte Beraterinnen stehen Hilfsbedürftigen vertraulich zur Seite, vermitteln auf Wunsch an Hilfsangebote vor Ort.
    • Bei Bedarf werden Dolmetscherinnen zum Gespräch zugeschaltet.
    • Mehr Infos: www.hilfetelefon.de
  • "Pro Familia" e. V.
    Mehr Infos: www.profamilia.de
  • Opfer-Hilfsorganisationen, etwa "WEISSER RING" e.V.
     Mehr Infos: www.weisser-ring.de

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