Fahndung Deutschland

Der Anneli-Prozess

Höchststrafe für Kindermörder

Das Landgericht Dresden hat Markus B., den Entführer und Mörder der 17-jährigen Anneli-Marie, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Sein Komplize Norbert K. erhielt achteinhalb Jahre Haft - ebenfalls wegen "Mordes in Tateineinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge".

05.09.2016 14:20 Uhr / dpa
prozess anneli
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Beide Männer hatten Unternehmertochter Anneli-Marie R. am 13.08.2015 in Robschütz (Landkreis Meißen) entführt und 1,2 Millionen Euro Lösegeld von ihrem Vater gefordert. Die Übergabe scheiterte. Norbert K. tötete Anneli-Marie am nächsten Tag mit einer Plastiktüte - aus Angst entdeckt zu werden.

Chronologie des Prozesses

Urteil - 5. September 2016

Höchsstrafe für Kindermörder

Die Entführer der Unternehmertochter Anneli-Marie aus dem sächsischen Klipphausen sollen lebenslang beziehungsweise für achteinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Dresdner Landgericht verurteilte Markus B. und Norbert K. am Montag wegen Mordes in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub mit Todesfolge. Bei Markus B. wurde zudem eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Er hatte die 17-jährige Gymnasiastin im August vergangenen Jahres nach Ansicht der Richter aus Angst vor Entdeckung brutal mit Kabelbindern und Spanngurt erstickt. Sein Komplize Norbert K. wurde des Mordes durch Unterlassen schuldig befunden, weil er die Tat nicht verhindert hat.

Die Tat war "dilettantisch geplant"

Markus B. und Norbert K. nahmen das Urteil reglos entgegen. Auch die Familie ihres Opfers - Annelis Mutter, Vater, Schwester und Bruder - blieben bei der Verkündung äußerlich gefasst. Nach dem Richterspruch wollten sie sich nicht öffentlich äußern. Gegen das Urteil ist Revision möglich. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung hielten sich diesen Weg zunächst offen. Der heute 40-jährige Markus B. und der 62-jährige Norbert K. hatten Anneli nach Überzeugung der Kammer nahe des elterlichen Hauses im Kreis Meißen entführt, um 1,2 Millionen Euro von ihrem Vater zu erpressen. An das Geld kamen sie aber nicht. Nach Einschätzung der Ermittler war die Tat «dilettantisch geplant». Anneli wurde einen Tag später erdrosselt und verscharrt, ihre Leiche nach drei Tagen auf dem Anwesen der Schwiegermutter von Markus B. gefunden.

Der Koch aus Pforzheim in Baden-Württemberg war hoch verschuldet, hatte bereits eine kriminelle Vergangenheit und saß auch schon im Gefängnis. Im gesamten Verfahren hat Markus B. geschwiegen.  Bei Norbert K. hatte die Anklage auf Mord durch Unterlassen plädiert, weil er die Jugendliche mehrfach hätte retten können. Stundenlang war er allein mit ihr. Da der 62-Jährige aber bei der Aufklärung half, Reue zeigte und im Gegensatz zu Markus B. nicht vorbestraft ist, hatte die Staatsanwaltschaft auf 15 Jahre plädiert.  Mit ihrem Spruch blieb die Kammer am Montag weit darunter. «Es ist ausgeschlossen, hier nicht zu mildern», sagte Richterin Birgit Wiegand. «Der Unrechts- und Schuldgehalt ist geringer als bei einem aktiven Tun.» Die Tat des Markus B. sei hier als Vergleichsmaßstab anzulegen. Außerdem habe Norbert K. über den eigenen Tatbeitrag hinaus für Aufklärung gesorgt. Insofern seien die achteinhalb Jahre gerechtfertigt.

Die Verteidigung sah dagegen keine Beweise für den Mordvorwurf gegen Markus B. und hatte «im Zweifel zugunsten des Angeklagten» zwölf Jahre Freiheitsstrafe verlangt. Der Anwalt von Norbert K. plädierte wegen Beihilfe vier Jahre und fünf Monate

12. Prozesstag - 26. August 2016

Anwälte werten Tötung von Anneli nicht als Mord
Vorletzter Akt im Anneli-Prozess: Die Tötung der entführten 17-jährigen Anneli-Marie ist aus Sicht der Verteidigung nicht als Mord zu werten. Es gebe keine Beweise dafür, die Staatsanwaltschaft habe nur Indizien, erklärten sie am Freitag vor dem Dresdner Landgericht. Die Anwälte von Markus B. plädierten auf zwölf Jahre Freiheitsstrafe wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge. Für Norbert K. verlangte Verteidiger Andrej Klein eine Verurteilung wegen Beihilfe - und nannte später vier Jahre und fünf Monate als Strafmaß. Das Urteil soll am 5. oder 6. September verkündet werden.

Die verschuldeten Männer sind wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge angeklagt, B. zudem wegen Mordes. Sie sollen die Unternehmer-Tochter aus Klipphausen bei Meißen am 13. August 2015 entführt haben, um 1,2 Millionen Euro zu erpressen. An das Geld kamen sie nicht. Anneli-Marie wurde am nächsten Tag getötet.  Die Staatsanwaltschaft hatte für B. eine Verurteilung wegen Mordes beantragt. Neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe beantragte sie, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Damit würde eine Freilassung des 40-Jährigen später erschwert. Im Fall des 62-Jährigen K. sieht die Anklage Mord durch Unterlassen als erwiesen an und verlangte 15 Jahre.  

 Laut Verteidiger Rolf Franek ist es nach der Beweisaufnahme nicht erwiesen, dass B. die Gymnasiastin getötet hat. Die Anklage stütze sich nur auf die Aussage von K., der über Stunden mit der Entführten allein war. Möglich sei daher, dass Anneli schon tot war, als B. am Mittag des 14. August 2015 zurückkam. «Es gibt drei Varianten: die Tötung durch B., die Tötung durch K. oder durch Beide gemeinsam.» Belegbar sei keine davon. Gemäß des Grundsatzes «im Zweifel zugunsten des Angeklagten» könne keiner der Männer wegen Mordes verurteilt werden, argumentierte Franek.

 Fest stehe, dass die Angeklagten die Entführung gemeinsam planten und durchführten, erklärte Franek. Dem widersprach der Verteidiger des Älteren. B. habe ihn am Abend des 13. August unter einem Vorwand gebeten, ihn zu fahren. «Stutzig wurde er erst am Ziel», sagte Andrej Klein. Dort sei K. vom eigentlichen Plan der Entführung überrascht worden. Er habe B. geglaubt, dass dieser die Jugendliche nur mit Äther betäuben wolle und sei davon ausgegangen, dass Lösegeld gezahlt werde. Klein sieht für keine der Behauptungen der Anklage einen objektiven Beweis, «noch nicht mal eine entgegenstehende Aussage». Vater und Schwester von Anneli-Marie hielten den Angeklagten die Folgen «dieser abscheulichen Tat» vor. «Wir waren eine glückliche Familie», sagte der Unternehmer. Der Verlust ihres Nesthäkchens sei eine nicht zu beschreibende Belastung, die Privat- und Geschäftsleben beeinträchtige. Unter Tränen beschrieb Uwe R. seine jüngste Tochter als kreativ, ehrgeizig, humorvoll und mit starkem Sinn für Gerechtigkeit. In Richtung Anklagebank sagte er: «Sie sind Ausgeburten der Hölle!»

 Seine älteste Tochter Anett sprach davon, dass sich mit dem Fund von Annelis Leiche am 17. August «ein Abgrund» aufgetan habe. Ihre Eltern hätten sich mit viel Fleiß eine Existenz aufgebaut, in Liebe drei Kinder erzogen, «die Jüngste als Perle der ganzen Familie». «Und dann kommen diese beiden Nichtsnutze und zerstören all das.» Zumindest K. brach sein Schweigen vor Gericht noch für ein Wort der Reue und des Bedauerns - weinerlich und kaum zu verstehen.  Die Schwurgerichtskammer hofft, dass sie ihr Urteil am 5. September verkünden kann, wie die Vorsitzende Birgit Wiegand sagte. Sollte sie mehr Beratungszeit brauchen, werde es der 6. September.

11. Prozesstag - 24. August 2016

Staatsanwaltschaft will die Höchststrafe für die mutmaßlichen Anneli-Mörder

Die beiden mutmaßlichen Entführer der 17-jährigen Anneli-Marie sollen nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen Mordes verurteilt werden. Für Markus B., der die Gymnasiastin zur Verdeckung einer anderen Straftat getötet haben soll, forderte Oberstaatsanwältin Karin Dietze am Mittwoch vor dem Landgericht Dresden eine lebenslange Freiheitsstrafe. Sie beantragte für den 40-Jährigen auch, die besondere Schwere der Schuld festzustellen - für den «rücksichts- und sinnlosen Tod Annelis». Für seinen Komplizen Norbert K. sieht sie - abweichend von der Anklage - Mord durch Unterlassen als erwiesen und verlangte 15 Jahre. Anneli-Maries Eltern wollen, dass beide Angeklagten wegen Mordes bestraft werden, wie der Nebenklage-Anwalt sagte.

Die verschuldeten Männer sind wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge angeklagt, B. zudem wegen Mordes. Nach Überzeugung von Dietze haben sie die Unternehmer-Tochter am 13. August 2015 nahe des Elternhauses in Robschütz (Landkreis Meißen) ins Auto gezerrt und verschleppt. Von ihrem Vater verlangten sie dann 1,2 Millionen Euro Lösegeld, scheiterten jedoch an der Übergabe. Während der Flucht sei K. kurz allein mit Anneli-Marie im Auto gewesen, als B. ihr Handy in einer Talsperre versenkte. «Er hätte, wenn er es gewollt hätte, mit ihr verschwinden oder aussteigen können», betonte die Staatsanwältin.  B. hatte keinen Führerschein.
 K. fuhr nach den Ermittlungen zudem in der Nacht zum Versteck in einen Nachbarort von Robschütz und half B., Anneli-Marie in den Kofferraum des Autos zu sperren. Am nächsten Vormittag war er laut Dietze zwei Stunden mit der an einen Stuhl in der Scheune gefesselten Jugendlichen allein. «Er hat sie nicht freigelassen, keine Hilfe geholt, obwohl er wusste, dass B. sie töten wollte.» Auch als dieser ihr nach seiner Rückkehr eine Tüte über den Kopf gezogen, einen Spanngurt um den Hals gelegt, zugezogen und festgehalten habe, «hat er nichts unternommen». Das zeige, dass es auch für K. keine Alternative geben konnte.

«Er hatte nicht Angst um das Opfer, sondern um sich selbst», erklärte Dietze. Das Mädchen musste nach ihrer Überzeugung sterben, damit ihre Entführer unerkannt bleiben. Erst nach seiner Festnahme kamen bei K. Erschrecken über die Tat und vor den Konsequenzen sowie Bedauern.  Strafmildernd für den gelernten Forstwirt aus Berlin wertete Dietze, dass dieser nicht vorbestraft ist, bei der Aufklärung half - er nannte den Ermittlern den Fundort der Leiche - und Reue zeigte. Zugunsten von B. indes könne sie «nichts Positives» vorbringen, so die Juristin. Der mehrfach Vorbestrafte habe sein Ziel «brutal und rücksichtslos» durchgesetzt - und dann weitergemacht wie immer. Es gebe weder ein Geständnis noch eine Entschuldigung.

7. Prozesstag - 18. Juli 2016

Nebenkläger hält beide Angeklagten für Mörder

Die Nebenklage im Dresdner Prozess gegen die mutmaßlichen Entführer der 17-jährigen Anneli-Marie hält beide Angeklagten für Mörder. Auch bei Norbert K., dem erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen wird, müsse Mord durch Unterlassen in Betracht gezogen werden, erklärte der Anwalt der Eltern des Opfers am Montag vor dem Landgericht Dresden. Es sei klar, dass Norbert K. gewusst habe, dass Markus B. das Mädchen töten wollte. Als B. die Jugendliche erstickte und erdrosselte, habe er nichts dagegen getan. B. steht bereits unter Mordverdacht.

Der 40-jährige B. und der 62-jährige K. werden des erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge beschuldigt. Laut Anklage haben die verschuldeten Männer die Unternehmertochter am 13. August 2015 in Robschütz (Landkreis Meißen) entführt und von ihrem Vater 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. An der Übergabe scheiterten sie jedoch. B. soll die Gymnasiastin am nächsten Tag kaltblütig getötet haben - aus Angst entdeckt zu werden.

Leiche unter Sand begraben

Mit Willen und Anstrengung hätte K. «den Tod von Anneli-Marie ohne Weiteres verhindern können», erklärte Rechtsanwalt Kay Estel. Er sieht dessen Angaben, nichts gegen B. ausrichten zu können und nicht dabei gewesen zu sein, als Schutzbehauptung. «Er hat sich passiv verhalten und damit die Tötung einfach geschehen lassen», er habe sich mit Anneli-Maries Tod zumindest abgefunden.

Ihre nackte Leiche wurde drei Tage später auf dem Anwesen gefunden, wo B. vor der Tat mit Familie gelebt hatte - unter Sand begraben hinter einer Mauer, mit einem Spanngurt und zwei Kabelbindern um den Hals, wie ein Beamter des Landeskriminalamtes sagte. Reste ihrer wohl verbrannten Kleidung fanden sich danach am Grillplatz. B. und K.  folgten der Präsentation von Fotos und Skizzen emotionslos, die Eltern des Opfers gingen aus dem Saal.

Bericht der Rechtsmedizin Ende Juli

Zu Beginn des Prozesstages berichtete die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand, dass in der Gefängniszelle von B. ein verbotenes Handy entdeckt wurde. Dessen Stiefbruder habe die Anstalt zuvor informiert, dass er SMS-Nachrichten von ihm bekomme. «Die Daten wurden ausgelesen, wir warten auf Ergebnisse.» Der geplante Bericht der Rechtsmedizinerin wurde wegen Erkrankung auf den nächsten Termin am 29. Juli verschoben.

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