Fahndung Deutschland

Prozess gegen „Ku’damm-Raser“

Volle Härte des Gesetzes gegen PS-Protze

Bei einem illegalen Autorennen zweier Raser stirbt ein unbeteiligter Autofahrer. Die Staatsanwaltschaft klagt die Unfallfahrer des Mordes an. Folgt das Gericht der Anklage, dient das Urteil als Musterbeispiel für weitere Rechtsprechungen. Bisher kommen Autoraser glimpflicher davon, wenn Menschen durch ihre Rennen starben.

07.09.2016 15:59 Uhr / Andreas Wolf

Berlin, westliche Innenstadt: Auf der Tauentzienstraße am Kurfürstendamm drängeln sich tagsüber die Autos. Geschäfte wie das „Kaufhaus des Westens“ locken Touristen und Geschäftstreibende. Fußgänger-Scharen flanieren den Boulevard entlang, wuseln über die Gehwege, warten an Ampeln, wechseln Straßenseiten, überkreuzen Straßen. Autos und Busse füllen die Fahrbahn. Stau, Abgase. Gehupe.

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Das Opfer hatte keine Chance: Rettungskräfte können den 69-Jährigen Jeep-Fahrer nur noch tot bergen. | © Fahndung Deutschland

Nachts wirken die Tauentzienstraße und der Kurfürstendamm oft menschenleer. Seit einigen Jahren nutzen das häufig und vorwiegend junge Männer, um ihre „Kräfte zu messen“ – durch illegale Autorennen.

Auch in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 2016 scheinen die Gehwege und Straßen am Kurfürstendamm fast menschenleer. Gegen 0:50 Uhr Uhr rasen zwei Sportwagen über die Tauentzienstraße, missachten zwischen Kurfürstendamm und Wittenbergplatz mindestens zwei rote Ampeln. Die Fahrer eines weißen Audi und eines schwarzen Mercedes liefern sich ein illegales Rennen.

Hinter den Lenkrädern: zwei Männer, damals 24 Jahre und 26 Jahre jung. Sie haben sich offenbar kurz vorher kennengelernt, kannten sich flüchtig.

Zwei junge Männer rasen, ein Rentner stirbt

Zwischen der Gedächtniskirche und dem „KaDeWe“ passiert das Unglück: Der Fahrer eines lila „Jeep“ hat „grün“, will an der Ecke zur Nürnberger Straße die Tauentzienstraße überqueren. In die Fahrerseite des Geländewagens kracht der Mercedes  – mit „deutlich überhöhter Geschwindigkeit“, wie im Polizeibericht steht und Zeugen aussagen.

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Der schwarze Mercedes krachte frontal in die Beifahrertür des Opfers. | © Fahndung Deutschland

Ermittlungen ergeben: Der Mercedes fährt 160 Stundenkilometer als er den „Jeep“ rammt. Der Geländewagen schleudert mindestens 70 Meter die Straße entlang. Der "Jeep"-Fahrer stirbt am Unfallort. Rettungskräfte können nur noch die Leiche des 69-jährigen Rentners bergen.

Der zweite Sportwagen-Fahrer konnte ausweichen. Sein Auto schießt auf den Gehweg in der Mitte des Boulevards, rammt die Begrenzungssteine eines Blumenbeets. Die Unfallfahrer und Beifahrerin kommen schwer verletzt in ein Krankenhaus, überleben.

Täter suchten wohl Selbstbestätigung

Die Unfallfahrer sind polizeibekannt – wegen Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr und anderer Straftaten.

Der heute 27-jährige Audi-Fahrer aus Berlin arbeitete zuletzt bei einem Küchenbauer als Aushilfe. Der Unfallfahrer besaß seinen Wagen zwei Jahre, hatte laut Aussage seines Vaters „lange dafür gespart“. Der 24-jährige Mercedes-Fahrer aus Berlin-Marzahn ist Ex-Bundeswehrsoldat, arbeitete zuletzt als Türsteher. Während des Rennens saß seine 22-jährige Freundin auf dem Beifahrersitz des Mercedes.

Die Staatsanwaltschaft Berlin hat beide Männer angeklagt. Vorwurf: Mord. Als Raser hätten sie Selbstbestätigung angestrebt und tödliche Folgen billigend in Kauf genommen.

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Der 26-jährige Audi-Fahrer konnte dem Unfall ausweichen und schoss auf den Gehweg in der Straßenmitte | © Fahndung Deutschland

Sieben Monate nach dem Unfall macht das Berliner Landgericht den jungen Männern ab morgen (8. September) den Prozess.  Die Unfallfahrer wurden einen Monat nach dem Unfall verhaftet, wegen des Verdachts auf Totschlag. Rund drei Monate vor Prozessbeginn verschärften die Kläger den Vorwurf, änderten ihn von „Verdacht auf Totschlag“ in „Verdacht auf Mord“. Begründung: Die Unfallfahrer hätten gemeingefährliche Mittel eingesetzt und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, um ein illegales Straßenrennen zu gewinnen.

Die Anklageschrift listet 51 Zeugen. Für den Mordprozess sind nach dem ersten Prozesstag am Donnerstag, den 8. September weitere zehn Tage vorgesehen, bis Mitte November.

Debatte um härtere Strafen

Der Unfall auf dem Kurfürstendamm verschärfte die Debatte über härtere Strafen gegen Teilnehmer von illegalen Autorennen. Solche in der Raser-Szene als „Stechen“ bezeichnete Rennen gelten als Ordnungswidrigkeit. Sie werden mit 400 Euro Geldbuße und einem Monat Fahrverbot geahndet.

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Die Motorhaube des Jeeps ist abgerissen, der Motor aus der Karosserie geflogen. Das Dach hängt in Fetzen am Wrack. | © Fahndung Deutschland

Die Folgen von tödlichen Verkehrsunfällen für die Verursacher sind in der Regel vergleichweise gering: eine Anklage wegen einer fahrlässig begangenen Tat. Oft enden die Verfahren mit Geldstrafen oder Bewährungsstrafen – wie etwa die Prozesse zu drei tödlichen Unfällen in Köln vergangenes Jahr.

Zwischen März und Juli 2015 starben in der Domstadt drei Menschen wegen illegalen Autorennen: im März ein Radfahrer, im April eine 19jährige Radfahrerin, im Juli ein Taxi-Fahrgast. Die Täter: jeweils Männer im Alter zwischen 22 und 26 Jahren. Ein Raser kam mit einer Strafe von zwei Jahren und neun Monaten davon – andere Täter mit Jugendstrafen und Bewährungsstrafen.

Möglicher Präzedenzfall

Womöglich geht die Justiz künftig härter gegen Raser vor, die Menschenleben auf dem Gewissen haben. Im August klagte das Landgericht Bremen einen Motorradfahrer des Mordes an. Er hatte im Juni einen 75-jährigen Rentner an einer Kreuzung in Bremen totgefahren.

Der Prozess gegen die Raser vom Kurfürstendamm könnte ein Signalwirkung haben für künftige Rechtsprechungen gegen Autoraser – wenn das Landgericht Berlin der Klage der Staatsanwaltschaft folgt und die Angeklagten als Mörder verurteilt.

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