- Bildquelle: Stefan Erhard SAT.1/Stefan Erhard © Stefan Erhard SAT.1/Stefan Erhard

Sie spielen in "Ein ganz normaler Tag" eine aufstrebende Staatsanwältin, die an das Gewissen der Zeugen appelliert, die eine Straftat beobachtet haben. 
Sonja Gerhardt: "Der Film schildert eine Auseinandersetzung in einer Straßenbahn, die unter Zeugen in einer Schlägerei endet. Der Zuschauer fragt sich: Welcher der anderen Fahrgäste schaut hin? Wer schaut weg? Wer greift ein? Wer ruft Hilfe? Und schließlich: Wer steht zu seiner Aussage vor Gericht? Der Film zeigt auf, was man machen kann, wenn so etwas passiert. Dass man sich nicht einschüchtern lassen sollte, miteinander agiert und auf andere achtet."

Wie hat sich Ihre Einstellung zum Thema "Zivilcourage" während des Lesens des Drehbuchs verändert?
Sonja Gerhardt: "Als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich mich gefragt: Was würdest du selbst in einer solchen Situation tun? Wenn dir so etwas passiert oder wenn du so etwas mitbekommst? Denn ich selbst hatte bis zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nie eine derartige Situation miterlebt."

Hat die Arbeit für den Film Ihnen diese Fragen beantworten können?
Sonja Gerhardt: "Ja, ich habe gelernt, was man tun sollte."
Und das wäre?

Sonja Gerhardt: "In einer solchen Situation sollte man zunächst ganz gezielt Leute um einen herum ansprechen und sie bitten, aufmerksam zu sein. Außerdem sollte man in jedem Fall die Polizei rufen. Eingreifen sollte man nur, wenn man sich dabei nicht selbst in Gefahr bringt."

Ist für Sie nachvollziehbar, dass man Angst hat, wenn man als Zeuge in eine prekäre Situation gerät?
Sonja Gerhardt: "Das kann ich auf jeden Fall verstehen! Ich selbst habe in so einem Fall jedoch so viel Adrenalin in mir, dass ich nicht einfach zuschauen kann, sondern handeln muss."

 
Ist dieser Fall bei Ihnen schon einmal eingetroffen?

Sonja Gerhardt: "Vor kurzem hatte ich aus dem Auto heraus an der Bushaltestelle ein älteres Paar gesehen, das von zwei Jungs angesprochen wurde. Ich fand es seltsam, wie die mit den beiden älteren Herrschaften agiert haben. Daraufhin bin ich rechts ran gefahren und habe das Szenario weiter beobachtet. Zum Glück hat sich die Situation wieder aufgelöst ohne dass etwas passiert ist – ansonsten hätte ich sofort die Polizei gerufen."

Was erhoffen Sie sich, mit dem Film zu erreichen?

Sonja Gerhardt: "Ich erhoffe mir von dem Film, dass die Zuschauer ihre Augen öffnen und lernen, wie man in einer solchen Situation entscheidet und mit einer solchen Situation umgeht."

 
Wie realistisch ist ein Szenario wie im Film?
Sonja Gerhardt: "Sehr realistisch! Erst vor ein paar Wochen wurde in Berlin ein Pärchen in einer Straßenbahn beleidigt und andere Fahrgäste mussten die Notbremse ziehen – ähnlich wie in unserem Film, nur Gottseidank mit glimpflichem Ausgang. Ich frage mich immer, welche Menschen zu so etwas in der Lage sind? Warum tun sie anderen etwas an, rauben ihnen vielleicht sogar das Leben?"

 
Anders als im Film haben in der Straßenbahn in Berlin andere Fahrgäste eingegriffen. Oft passiert genau das nicht. Warum gucken Leute weg? 
Sonja Gerhardt: "Meiner Meinung nach greifen viele Menschen einfach deshalb nicht ein, weil sie Angst haben. Sie haben Angst, dass sie selber zum Opfer werden. Ich kann das verstehen, ich hätte auch Angst. Was ich aber immer tun würde – und das kann zweifelsohne jeder andere auch tun – ist, die Polizei zu rufen."

 
Was heißt für Sie persönlich Zivilcourage?

Sonja Gerhardt: "Die Augen offen halten und auf seine Mitmenschen achten – das ist für mich Zivilcourage!"