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Es gibt Formulierungen, die möchte man aus der Debattenkultur streichen. Weil sie inzwischen so aufgeladen sind, dass die bloße Erwähnung dafür sorgt, dass mindestens zwei Konfliktparteien laut aneinander vorbeischreien. Und weil diese Worte oft sehr zweifelhafte Ursprünge haben. Meist stammen sie aus sehr rechten oder ultrakonservativen Kreisen, wo sie mit populistischen Mitteln so lange penetrant wiederholt werden, bis sie auch die liberalen Stimmen nutzen – und damit erst recht in die Falle tappen. „Cancel Culture“ und „Identitätspolitik“ sind zwei dieser Begriffe. Und sie sind quasi auch die Kernthemen der neuen Komödie „Contra“ von Sönke Wortmann. Das ist schon ganz schön mutig.

Wortmann erzählt die Geschichte des konservativen Jura-Professors Richard Pohl, der gerne mal das ein oder andere fremdenfeindliche Klischee aufgreift. Einer dieser typischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Akademiker, die viel Zeit damit verbringen, vermeintliche „Sprachverbote“ zu verteufeln, anstatt den Menschen zuzuhören, die sich dadurch verletzt fühlen oder mal zu forschen, wo die Hintergründe dieser Verletzungen liegen. Als Pohl die Erstsemester-Jura-Studentin Naima Hamid (Nilam Farooq) in einem vollbesetzten Hörsaal rassistisch beleidigt, droht er von der Uni zu fliegen. Der Uni-Präsident – ein alter Buddy von Pohl – gibt ihm noch eine letzte Chance: Er soll „die kleine Araberin aus deinem Kurs“ fit machen für einen Debattier-Wettbewerb. Obwohl bald erste Erfolge und sogar feindlich-freundliche Annäherungen der beiden anstehen, merkt Naima irgendwann, dass sie hier nur benutzt wird, um der Uni den Arsch zu retten, damit man den Vorfall in ein Multi-Kulti-Märchen drehen kann. Wie gesagt: Brisanter Stoff für eine Komödie.

Dass die Sache aufgeht, liegt vor allem an der Besetzung. Christoph Maria Herbst und Regisseur Wortmann sind eh ein eingespieltes Team und ihm kauft man seit „Stromberg“ jeden Unsymphaten ab. Star des Films ist aber Nilam Farooq. Die inzwischen längst als Schauspielerin etablierte Berlinerin war zeitweise mit ihren Channels „daaruum“, der zwischenzeitlich zu „Nilam“ umbenannt wurde, eine der erfolgreichsten YouTuberinnen Deutschlands und gilt noch immer vielen jungen Menschen mit Migrationshintergrund als Vorbild.

Auch die Wahl des Titelsongs ist eine vorzügliche Entscheidung: Die einzige deutsche Künstlerin, die ein Album auf dem legendären Motown-Label veröffentlichen durfte, Joy Denalane, singt einen Song des Sängers und Songwriters Bill Withers. Denalane und ihr Gatte Max Herre sind große Withers-Fans, das sagten sie in diversen Interviews. Dessen Live-Album „Live At Carnegie Hall“ könnte eines der am meisten gespielten Vinyle in ihrem Hause sein, meinten sie einmal gar. Diesen Respekt und diese Liebe hört man Joy Denalanes Interpretation von „Use Me“ eindeutig an. Sie selbst sagt dazu: „Bill Withers sagte einmal, er sehe die Wolken von beiden Seiten. Er war ein großer Geschichtenerzähler, Dichter und Komponist. Seine Lieder wie ‚Ain't No Sunshine‘, ‚Lean On Me‘ oder ‚Just The Two Of Us‘ wurden zu Hymnen, die wir noch heute singen. Zum Gedenken an diesen großen Songwriter, der vergangenes Jahr verstorben ist, habe ich eine neue Version seines Songs ‚Use Me‘ aufgenommen. Bill Withers wird nie vergessen werden!“ Recht hat sie – und mit dem Stück auch den Kern des Films getroffen. Als die Studentin Naima nämlich blickt, was die Uni vorhat, hält sie es mit Withers und denkt sich: „Talkin' 'bout you usin' people

It all depends on what you do / It ain't too bad the way you're usin' me / 'Cause I sure am usin' you to do the things that you do.“

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