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Höchster Wert seit 2003

Türkei tief im Infaltionsstrudel

Der Wert der türkischen Lira purzelt immer weiter, doch Erdogan steuert nicht dagegen - die Gründe sind egoistisch und zynisch.

04.12.2017 13:48 Uhr / dpa
Erdogan
© dpa

Die Inflation in der Türkei ist auf den höchsten Wert seit dem Jahr 2003 gestiegen: Die jährliche Preissteigerungsrate legte im November verglichen mit dem Vorjahresmonat auf 12,98 Prozent zu, wie das türkische Statistikamt am Montag mitteilte. Sie überstieg damit erstmals die Teuerungsrate während der globalen Wirtschaftskrise 2008, die in Spitzenzeiten bei 12,06 Prozent gelegen hatte. Seit dem Vormonat kletterte die Inflation im November um 1,49 Prozent, was leicht über den Erwartungen von Analysten lag.

Im Jahresvergleich verteuerten sich vor allem die Kosten für Transporte (18,56 Prozent), aber auch für Lebensmittel (15,78 Prozent). Vize-Ministerpräsident Mehmet Simsek teilte auf Twitter mit, die Regierung rechne im Dezember mit einer niedrigeren Inflationsrate.

Erdogan: Das ist Verrat am Vaterland

Die Inflationsrate in der Türkei steigt seit Juli kontinuierlich, zugleich verliert die Türkische Lira an Wert. Nach Einschätzung der meisten Ökonomen müsste die Zentralbank in einer solchen Situation durch Zinserhöhungen gegensteuern. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan spricht sich jedoch gegen Zinserhöhungen aus, um das Wirtschaftswachstum nicht zu bremsen, das im zweiten Quartal bei 5,1 Prozent lag. Er will die Bevölkerung mit künstlich aufgeblähten Wachstumszahlen vor den Wahlen 2018 bei Laune halten. Begünstigt wird das Wachstum auch durch Exporte, die dank des Verfalls der Lira deutlich zugelegt haben.

In der türkischen Wirtschaft sorgen die Inflation und der Wertverlust der heimischen Währung für Unruhe. Erdogan warnte Geschäftsleute am Sonntag in einer Ansprache im ostanatolischen Mus davor, in der Türkei verdientes Geld außer Landes zu schaffen. «Ich höre, dass manche Geschäftsmänner Bestrebungen haben, ihr Vermögen ins Ausland zu schleusen.» Das sei «ein Verrat am Vaterland». Diese Aussage ist angesichts der im Raum stehenden Vorwürfe gegen den Erdogan mehr als zynisch. Verwandte und enge Mitarbeiter Erdogans stehen im Verdacht, mehrere Millionen Euro Schwarzgeld in Steuerparadiese verfrachtet zu haben. Das Geld soll aus dubiosen Öl- und Gasgeschäften mit dem Iran stammen.

In einem skandalträchtigen Tonmitschnitt war Erdogan vor einigen Jahren zu hören, wie er seinen Söhnen riet, sämtliches Geld ins Ausland zu schaffen. Da ein großer Teil der türkischen Justiz und Medien angesichts drohender Repressalien stramm auf Erdogans Linie ist, sind dem Präsidenten diese Verstrickungen noch nicht zum Verhängnis geworden.

Schulden steigen

Mit dem Schritt keine Zinsanhebung vorzunehmen bringt die Türkei einige heimische Unternehmen massiv unter Druck. Besonders belastet sind Firmen, die sich in Fremdwährung verschuldet haben. Ein mittelständischer IT-Unternehmer in Istanbul, der seine Erlöse in Lira macht, erzählte unlängst, er habe beim Kurs von 1:1,8 einen Dollar-Kredit aufgenommen. Als der Firmeninhaber sein Leid klagte, lag der Kurs bei 1:3,6. In Lira hatten sich seine Schulden verdoppelt - Zinsen nicht mit eingerechnet.

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