Richterin Barbara Salesch

Im Gespräch mit der Marler Gruppe am 1.7.2002 äußerte sich Barbara Salesch zu Gerichtsshows

Barbara Salesch im Interview - Teil 3

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© SAT.1/Stefan Menne

Oft scheinen Opfer und Täter überzeichnet und Klischees werden bedient. Ist das konzeptionelle Absicht? (Meistens ist der Angeklagte der Böse, der Täter)

Da kann ich Ihre Meinung nicht teilen. Wir verhandeln viele Fälle, in denen das nicht der Fall ist. Es gibt wesentlich mehr Freisprüche als es sie im Alltag gibt. Aber oft ist der Angeklagte der Täter, das ist völlig normal, sonst wird er nicht angeklagt, wenn es keinen hinreichenden Tatverdacht gibt. Mit „Böse“ hat das nichts zu tun. Ich versuche auch, Klischees zu vermeiden und unseren Teil dazu beizutragen, Klischees und Vorurteile abzubauen. Überzeichnungen gibt es im Fernsehen aber immer, und nicht nur da. Den Alltag 1:1 kann Fernsehen nicht leisten. Es wird immer ausgewählt, was interessiert. In allen Sendungen, auf allen Programmen, in allen Medien.

Werden bei realen Fällen die Originalurteile wiedergegeben, oder hat der Richter/Richterin die Freiheit, ein eigenständiges Urteil zu fällen?

Wie bereits gesagt fälle ich die Urteile selber und zwar erst nach der Beweisaufnahme. Natürlich mache ich mir vorher dazu Gedanken, aber die Entscheidung ergeht erst dann, nach dem letzten Wort. Da auch Originalfälle schon zum Schutz der Betroffenen nie 1:1 gezeigt werden können, passen die Originalurteile auch nicht, zumindest nicht in der Strafhöhe.

Wie ist die Vorgehensweise bei konstruierten Fällen? Überlegen Sie sich zuerst einen möglichst interessanten Fall, und lassen das Urteil offen ? Oder konstruieren Sie ein bestimmtes Urteil, um daraus einen Fall zu entwickeln?

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Fall zu konstruieren. Das Delikt, ein Thema, je nachdem, was behandelt werden soll. Aber nie vom Urteil her. Das ergibt sich dann automatisch am Ende.

Die dargestellten Fälle müssen in das zeitliche Raster Ihres Formates passen. Das bringt Verkürzungen und eine Komprimierung des Falles mit sich. Ist nicht das „Diktat der Sendezeit“ einer vertiefenden Fallschilderung abträglich?

Natürlich ist eine Verhandlung auf das Wesentliche verkürzt und verdichtet dargestellt. Aber abträglich ist das nicht. Jede Fernsehsendung hat einen bestimmten zeitlichen Rahmen; ein unbegrenzter Raum wird nicht zur Verfügung gestellt. Was das mit „Diktat“ zu tun hat verstehe ich deshalb in dem Zusammenhang nicht. Uns steht eine Verhandlungszeit von ca. 22 bis 25 Minuten pro Fall zur Verfügung. Das ist für eine Sendung, in der nur gesprochen wird, sehr viel. Es werden in meiner Sendung pro Fall zumeist nur der Angeklagte und zwei Zeugen gehört. Damit kann das Wesentliche gesagt werden, zumal ich so aufgliedern kann, dass die Wiederholungen des Alltags vermieden werden. Wenn das nicht geht, kann ich den Fall nicht nehmen. In den beiden Spezialsendungen am Abend hatte ich 45 Minuten pro Fall und konnte damit ein Verfahren vor dem Schwurgericht in wesentlichen Teilen darstellen.

Können Sie auf aktuelle Ereignisse reagieren?

Aktuelle Geschehnisse werden natürlich auch berücksichtigt, wenn Sie in den zeitlichen Rahmen einer Verhandlung passen. Der Vorlauf der Sendung beträgt nur wenige Wochen. Wichtiger sind mir dann aber aktuelle Themen, wie zum Beispiel in der gestrigen Sendung die Ausnutzung eines Arbeiters aus Russland.

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