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Ist Containern strafbar?

Unmengen an genießbaren Lebensmitteln landen jährlich in der Tonne – eine Verschwendung. Manche Menschen setzen dagegen ein Zeichen und containern: Die Lebensmittelretter fischen Essensreste aus dem Supermarkt-Müll und ernähren sich davon. Die Umwelt freut’s, die Justiz nicht. Containern ist in Deutschland verboten, es gilt als Diebstahl.

Was bedeutet Containern?

Containern bedeutet, weggeworfene und noch genießbare Lebensmittel für den Eigenverbrauch aus dem Müll-Container eines Supermarktes zu sammeln. Wer das macht, wird als Mülltaucher bezeichnet. Der englische Begriff lautet Dumpster-Diver (dumpster = Müllcontainer, diver =Taucher).

Welche Lebensmittel findet man beim Containern?

Supermärkte haben einen hohen Qualitätsanspruch an Lebensmittel. Besonders Backwaren, Obst und Gemüse sollen frisch und optisch attraktiv sein. Das Brot von gestern, eine Kartoffel mit Delle oder eine braune Banane sortieren Mitarbeiter zum Beispiel  häufig aus. Auch wegen beschädigten Verpackungen, Überschuss und Produktionsfehlern landen Lebensmittel im Müll. Für die Tonne sind zudem oft verpackte Produkte wie Joghurts, die kurz vorm Mindesthaltbarkeitsdatum stehen. Dabei sind diese noch lange darüber hinaus genießbar. Denn das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verfallsdatum. Nudeln, Reis und Mehl sind laut "Die Tafel" bei ordnungsgemäßer Lagerung mindestens noch bis zu sechs Monate über die Mindesthaltbarkeit essbar, Eier und Milch bis zu drei Wochen, Joghurts bis zu fünf Tage.

Die Müll-Container der Supermärkte sind das bevorzugte Tauchgebiet von Dumpster-Divern. Meistens ziehen die Mülltaucher nach Ladenschluss mit großen Rucksäcken los. Sie testen die weggeworfenen Produkte mit ihren Sinnen: Wie riecht das Essen? Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Was noch gut ist, sammeln sie ein und nehmen es mit nach Hause. Dort verzehren oder lagern sie es, wie nach einem normalen Einkauf. 

Warum containern Menschen?

Menschen containern aus finanziellen, politischen und ideologischen Gründen. Manchen fehlt schlichtweg das Geld für den Einkauf. Andere Mülltaucher wollen ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen. Containern ist auch Teil einer politischen Bewegung gegen die Wegwerf- und Konsumgesellschaft. Viele Menschen containern, um Umwelt und Klima zu schonen und nachhaltig zu leben. Laut Umweltbundesamt landet fast ein Drittel der produzierten Lebensmittel im Müll. Das verschwendet Ackerflächen und Wasser und sorgt für unnötige Treibhausgase. 

Was sind die Gefahren des Containerns?

Die Prime Time fürs Containern ist nach Ladenschluss in der Dunkelheit. Dumpster-Diver sind oft vermummt unterwegs. So können sie im Fall der Fälle unerkannt entkommen. Denn: Containern ist in Deutschland verboten.

Ein weiteres Risiko für die Mülltaucher: Ihre Gesundheit steht auf dem Spiel. Lebensmittel aus der Tonne können mit Keimen und Krankheitserregern belastet sein. Oft landen auch zurückgerufene Lebensmittel im Müll. Eine Lebensmittelvergiftung mit Magenschmerzen, Durchfall und Erbrechen droht. Bei schweren Fällen ist ärztliche Hilfe nötig. Mülltaucher können sich zudem an scharfen Gegenständen im Müll schneiden.

Deutschland: Ist Containern erlaubt oder strafbar?

Wer sich aus den Mülltonnen von Supermärkten bedient, muss in Deutschland mit einer Anzeige wegen Diebstahl und Hausfriedensbruch rechnen. Es klingt absurd: Aber Müll gilt als Eigentum. Unbefugtes Betreten von eingefriedeten Grundstücken ist ebenfalls strafbar. Einige Supermärkte dulden Mülltaucher, andere schließen ihre Mülltonnen ab. Knacken Mülltaucher die Schlösser, kommt Sachbeschädigung als Tatbestand hinzu.

Mülltauchern drohen Geldbußen und Sozialstunden. Zwei Studentinnen etwa mussten im Jahr 2019 jeweils 225 Euro zahlen und acht Stunden gemeinnützige Arbeit bei einer wohltätigen Organisation leisten. Nachdem die beiden Frauen Einspruch einlegten, bestätigte das Bundesverfassungsgericht das Urteil. Containern bleibt damit strafbar. In der Öffentlichkeit gibt es immer wieder Debatten darüber, Containern zu legalisieren. Es gibt Fälle, bei denen Supermarkt-Besitzer ihre Anzeige gegenüber Dumpster-Divern zurückzogen, weil der Druck der Öffentlichkeit zu hoch war.

Containern: So gehen andere Länder damit um

In Frankreich ist die Rechtslage anders als in Deutschland: Dort werden seit 2016 nicht die Lebensmittelretter bestraft, sondern Lebensmittelverschwender. Je nach Ladengröße sind Supermärkte per Gesetz dazu verpflichtet, unverkaufte und genießbare Lebensmittel zu spenden. Bei Verstoß drohen den Supermärkten bis zu 3750 Euro Strafe. Es gibt allerdings keine Instanz, die die Regelung kontrolliert. Dennoch: Die Lebensmittelspenden an die Tafeln sind gestiegen.

Tschechien nahm sich ein Beispiel und zog 2018 mit einem Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung nach. Kanada legt besonderen Wert auf den Schutz von Lebensmittelspendern, falls ein Verbraucher nach dem Genuss von gespendeter Nahrung klagt. In Italien ist das ähnlich. Zudem gibt es dort ein Anreizsystem: Wer Lebensmittel spendet, spart Steuern.

(Quellen: Tagesschau, Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online, Bundesverfassungsgericht Presse)