Nathalie Stüben - Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens Das Problem, das Nathalie Stüben jahrelang nicht sehen wollte, lässt sich anhand eines Fotoalbums erzählen. Es hat einen weinroten Stoffeinband, Transparentpapier knistert zwischen den Seiten. Auf einer Doppelseite kleben vier Fotos, datiert auf den 19. April 2000. Sie zeigen Stüben, damals 14 Jahre alt, auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Familienurlaub, die Sonne ist untergegangen, jenseits der Reling leuchten die Lichter einer Stadt. Auf einem Bild kniet Stüben an Deck, den Kopf vornübergebeugt, als wolle sie einen Purzelbaum schlagen. Auf einem anderen wirft sie tanzend beide Arme in die Luft. Dann drapiert sie sich die blonden Haare zu einem Turm auf dem Kopf und lacht, mit weit offenem Mund und geschlossenen Augen. Sie weiß nicht mehr, was sie getrunken hat, vielleicht Batida de Coco mit Kirschsaft. Sie weiß nicht mehr, wo ihre Eltern waren, und es tut ihr immer noch weh, sich diese Frage zu stellen. Sie weiß, dass ihr älterer Bruder die Fotos gemacht hat und zugleich aufpasste, dass sie im Rausch nicht über Bord fiel.
Sie weiß jetzt auch, dass das einer der Momente war, in denen das Problem begann. Aber sie sah es damals noch nicht, und auch lange danach nicht. »Ich fand diese Fotos jahrelang lustig«, sagt Stüben. Deutschland gilt international als Hochkonsumland. Jeder, der hier lebt und mindestens 15 Jahre alt ist, verbraucht pro Jahr durchschnittlich 10,7 Liter reinen Alkohol. Das entspricht in etwa 480 Gläsern Rotwein oder 640 Gläsern Bier. Das Hefeweizen nach dem Sport, der Chardonnay zum Essen, der Verdauungsschnaps danach und Tequila auf der Party: Alkohol ist legal, er ist omnipräsent, jeder Supermarkt verkauft ihn, oft neben den Kaugummis an der Kasse. Und er ist günstig, wir erheben auf Bier europaweit fast die niedrigsten Steuern und auf Wein überhaupt keine.
All das hat Konsequenzen. Nathalie Stüben ist heute 36 Jahre alt, sie hat erlebt, wie leicht es sein kann, in eine Sucht zu rutschen.