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In "Nachricht von Mama" spielen Sie die an Krebs verstorbene Elli, die ihrem Mann und ihren Kindern hunderte Videos hinterlässt. Wie kamen Sie zu dieser ungewöhnlichen Rolle?

Jessica Ginkel: "Das erste Buch habe ich zusammen mit der Anfrage bekommen, ob ich zum Casting kommen möchte. Ich habe es tatsächlich verschlungen, und mir war gleich klar: Ich will unbedingt zum Casting, ich möchte unbedingt diese Rolle spielen! Dieser Wunsch wurde, je mehr Bücher ich bekam, immer intensiver. Und dann hat es ja, Gott sei Dank, auch geklappt."

Die Rolle ist nicht einfach, Sie mussten vor allem Videos von sich selbst produzieren. Wie haben Sie sich da eingefunden?

Jessica Ginkel: "Ich habe mir schon viele Gedanken im Vorfeld gemacht, wie man solche Videos produziert und wie 'perfekt' sie sein sollten oder auch sein dürfen. Letztendlich bin ich dann zu dem Entschluss gekommen, dass Elli ja wenig Zeit hat und einfach das, was sie gerade denkt und fühlt, in die Kamera spricht und ihren Liebsten mitgeben möchte."

Wie finden Sie persönlich denn die Idee mit den Video-Botschaften?

Jessica Ginkel: "Das ist eine ganz, ganz tolle Idee, um noch Teil des Lebens und der Familie zu sein. Ich habe mich mit Betroffenen darüber unterhalten und von der Video-Idee erzählt. Ich bekam das Feedback, dass es eine tolle Idee sei, weil man einfach diesen tiefen Wunsch hat, nicht vergessen zu werden, weiterhin ein Teil der Familie zu sein, für sie da zu sein und ein Stück weit ein Ansprechpartner zu sein."

Stichwort Ansprechpartner, wie war es für Sie als Schauspielerin, dass Sie so viele Szenen ohne Anspielpartner direkt in die Kamera gespielt haben?

Jessica Ginkel: "Das war für mich eine neue und sehr spannende Herausforderung. Es sind viele kleine Monologe, aber in meinen Gedanken war das Gegenüber ja ständig dabei. Reine Fleißarbeit war dann das Textlernen. Ich habe das Produzieren der Videos sehr gemocht und es hat mich auch sehr bewegt, gerade weil ich - als Mensch und in meiner Rolle - für mich allein war. Wenn ich quasi einen Monolog spiele, ist das irgendwie nochmal eine andere Art der Konzentration und Wahrnehmung. Ich sitze ja nicht da und sage ein Gedicht auf, sondern will mit meinen Gedanken und Worten die Menschen, die ich so sehr liebe, unbedingt erreichen, ohne zu wissen, ob es mir gelingt. Das macht einen schon nachdenklich. Es erdet einen, weil manches eine neue Wichtigkeit bekommt und anderes in den Hintergrund rückt. Aber ich habe mich auch gefreut, als ich ein paar Szenen mit einem direkten Gegenüber hatte, der mir auch was zurückgegeben hat."

Elli beschließt in der Serie, die Krebsbehandlung abzubrechen. Sie weiß, dass ihr dann nicht mehr viel Lebenszeit bleiben wird. Was denken Sie, warum trifft sie diese harte Entscheidung?

Jessica Ginkel: "Für uns steht fest, dass Elli keine wirkliche Überlebenschance hat und sich deshalb entschließt, die Zeit, die ihr noch bleibt, so intensiv und so schön wie möglich mit ihrer Familie zu verbringen."

Wie schafft es denn eine Mutter wie Elli, so positiv und lebensbejahend zu bleiben und die Familie durch ihre Botschaften zu einem normalen Leben zu motivieren?

Jessica Ginkel: "Ja, wie gelingt ihr das? Ich glaube, als Mama möchte man es den Kindern in dieser schweren Zeit so leicht wie möglich machen. Deswegen nimmt Elli alle Kräfte zusammen, um das zu geben, was noch möglich ist. Es ist ja eh alles unglaublich schwer für die Kids."

Elli beginnt kurz vor ihrem Tod noch eine Affäre, obwohl sie Mann und Kinder über alles liebt. Was denken Sie, warum tut sie das trotzdem?

Jessica Ginkel: "Das ist etwas, was einfach passiert, nichts Geplantes. Durch die Krankheit hat sich die Beziehung von Elli und Tobias einfach stark verändert, und die Krankheit steht immer im Raum. Elli hat einfach diesen Wunsch, noch mal als Frau, als Mensch wahrgenommen zu werden, ohne die Krankheit. Das ist der Grund, warum sie sich darauf einlässt – oder warum es einfach passiert."

Welches ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft die Elli ihrer Familie posthum auf den Weg gibt?

Jessica Ginkel: "Sie möchte Mut machen, möchte vermitteln, dass das Leben weiter geht, wieder schönere Momente auf die ganze Familie warten, dass trotz des großen Schicksals das Leben lebenswert ist und viele Überraschungen bereithält. Und man auch wieder Spaß haben kann."

Könnten Sie sich vorstellen, selbst solche Botschaften zu machen? Was wäre die Botschaft, und wem würden Sie diese hinterlassen?

Jessica Ginkel: "Ja, ich kann mir vorstellen solche Botschaften zu hinterlassen. Sicher auch meiner Familie, sicher auch meinen Kindern und ja, ähnlich wie bei Elli. Eine einfache Botschaft mit so großer Bedeutung: Das Leben hält so viele Überraschungen für Dich bereit, so viele schöne Dinge. Versuch sie zu sehen, zu packen und zu leben. Bei dem Gedanken kommen mir gleich die Tränen…

Eine halbe Million Menschen erkranken jedes Jahr an Krebs in Deutschland und trotzdem wird wenig darüber gesprochen. Was denken Sie, wie kann "Nachricht von Mama" helfen, das zu enttabuisieren?

Jessica Ginkel: "Nachricht von Mama" macht das Thema sichtbar, man kommt dadurch ins Gespräch, kann das Thema auf den Tisch packen. Ich bin auch viel in Gespräche mit Betroffenen gegangen. Da wurde mir erstmal bewusst, wie groß dieses Thema ist, wie viele Menschen davon betroffen sind, dass eigentlich jeder eine Geschichte dazu zu erzählen hat."