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Matthias Reim (58) hat mit seinem Kracher "Verdammt, ich lieb Dich" einen der wohl bekanntesten deutschen Songs überhaupt und damit ein Stück Musikgeschichte geschrieben. Seine eigene Geschichte ist eine von Brüchen, Rückschlägen, Pleiten - und dem Kampf dagegen. Heute hat er sich gefangen, wie er im Interview der dpa sagt. Sein neues Album hat er darum "Phoenix" genannt - wie den legendären Drachenvogel, der am Abend verbrennt und am nächsten Morgen wieder aufersteht.

Gab es eine Zeit, in der Sie dachten, Sie schaffen diese Auferstehung nicht?
 
Die gab's öfter in meinem Leben. Zum ersten Mal habe ich das gedacht, als der Hype um "Verdammt, ich lieb Dich" nachließ, als die "Bravo"-Generation, die ich begeistert hatte, rausgewachsen war und die Jüngeren sich jemand anderen gesucht haben. Da habe ich gedacht: Das schaffst Du nicht, da noch mal anzuknüpfen. Das zweite Mal habe ich das gedacht, als ich so pleite war, dass ich dachte, ich kriege keine Luft mehr. Damals machte Weitersingen für mich überhaupt keinen Sinn mehr. Ich dachte: Du bist durch für dieses Leben. Aber dann stieg ich musikalisch wieder auf, die CDs wurden wieder Gold, Platin, die Hallen wurden immer voller. Die ganzen Wunder geschehen immer in dem Moment, wo ich denke, es ist vorbei. Das dritte Wunder habe ich jetzt gerade hinter mir: Meine Genesung nach meinem gesundheitlichen Zusammenbruch vor rund acht Monaten. Damals sagten die Ärzte zu mir: "Wir können Ihnen nicht versprechen, ob Sie überhaupt wieder auf der Bühne werden stehen können. Auf jeder Fall wird's lange dauern..." Und heute stehe ich schon wieder auf der Bühne – wie neu geboren...

Wie geht es Ihnen jetzt?
 
Sie sehen, mir geht es wieder blendend. Allerdings: Ich weiß, dass ich stärker als früher auf meine Gesundheit achten muss. Bei ein paar Sachen trete ich jetzt schon etwas auf die Bremse. Ich gebe mir Nischen für meine Erholung. Bei der Sommertour nehme ich mir drei Tage pro Woche Zeit für mich, für mein Boot, meine Freundin und meine Kinder. Zuhause bedeutet mir heute mehr als früher.

Haben Sie das Gefühl, da in der Vergangenheit etwas verpasst zu haben?
 
Ja. Ich habe auch nicht gesehen, wie schön es sein kann, Zeit für sich zu haben. Ich habe mich nur über meine Arbeit definiert. Ich sah immer nur die großen Ziele vor mir - große Hallen, die ich bespielen wollte. Platinalben und mehr. Vielleicht so wie Helene Fischer, die ich übrigens sehr bewundere.

Glauben Sie, dass Helene Fischer für die deutschsprachige Musik und Ihr Comeback hilfreich war?
 
Ich glaube, dass jeder erfolgreiche deutsche Interpret da geholfen hat. Der allererste, der komplett alles gesprengt hat, war Wolfgang Petry Ende der 90er. Dann gab es eine Traum-Karriere von Andrea Berg, bei der am Anfang alle gesagt haben, das ist Musik für eine Minderheit - aber von wegen! Die Leute mögen das. Eine Helene Fischer hat dann noch mal einen draufgesetzt. Das war wie bei den Lemmingen. Alle fanden sie toll - und sie ist auch toll. Man schaut sie gerne an. Die hat es geschafft, eine Art Massenhysterie auszulösen für eine Musik, die jahrelang verpönt war. Es ist toll, zu sehen, dass die Menschen Mut genug haben, zu dieser Musik zu stehen und sich nicht mehr schämen. Diese Kollegen haben wirklich Türen geöffnet - aber nicht für alle. Es gibt ein "da oben", wozu ich zum Glück auch gehöre - und dann kommt lange, lange gar nichts. Das meine ich nicht qualitativ. Ich beobachte das nur.

Jetzt haben Sie zweimal den Aufstieg in ein Geschäft geschafft, das sich in der Zwischenzeit unglaublich verändert hat...
 
Früher gab es viel mehr recht gut verkaufende Schlagersänger, als es noch Promotion-Plattformen wie die Hitparade gab, diese Dieter-Thomas-Heck-Sendungen. Wenn man vor 20 Jahren eine Platte rausgebracht hat, ging die erstmal durch zehn solcher Fernsehsendungen, die richtig Zuschauer hatten und wo man auch die Kollegen regelmäßig getroffen hat. Davon gibt es jetzt noch zwei: Florian Silbereisen und Carmen Nebel. Es ist einsamer geworden und es ist auch schwerer geworden. Es ist schwerer geworden, hoch zu kommen und es ist schwerer geworden, zu bleiben. Die Funk- und Fernseh-Formate fehlen einfach und man hat nur noch als Konzertkünstler eine Chance auf dauerhafte Anerkennung.

Die Songs auf ihrem neuen Album sind sehr autobiografisch. Warum eigentlich?
 
Nicht alle – aber viele. Irgendwie verarbeitet wohl fast jeder Künstler eigene Erfahrungen mit in seinem Texten. Ich kann viel besser irgendwelche Dinge beschreiben, die mich wirklich beschäftigen, als mir jetzt einen Song auszudenken über Spuren in Sand an einem griechischen Strand. Ich versuche, in meinen Liedern das Leben zu beschreiben - und da fließen natürlich immer wieder eigene Erfahrungen mit ein... Allerdings: Manche Lieder sind bewusst und deutlich autobiografisch – wie das Lied "Zu früh, um zu geh'n". Das ist das erste Lied, das ich nach meiner Gesundung wieder geschrieben habe.

Hatten Sie schon mal das Gefühl, zu viel von sich preisgegeben zu haben?
 
Antwort: Noch nie. Ich hab vielleicht manchmal gedacht: Das ist ein bisschen gewagt und hoffentlich drehen sie Dir jetzt nicht die Worte im Hals rum, wie man so schön sagt. In einem Interview ist das gefährlicher als in einem Song, weil ich mich dabei immer noch hinter dem Protagonisten, dem Sänger, verstecken kann. Ein Text hat immer eine größere Wucht, wenn man spürt, dass er wirklich erlebt und empfunden sind.