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Die Schöne kann zum Biest werden. Wenig ist auf Reisen zwar anmutiger als einsame, wilde Natur. Mancher Urlauber bewegt sich dafür abseits der Zivilisation. Doch die Orientierung im weg- und markierungslosen Gelände ist nicht einfach. Wenn das Wetter kippt, kann aus dem Abenteuertrip eine Katastrophe werden. Die ach so schöne Natur wird dann schnell zum Feind - und orientierungslose Outdoor-Urlauber begeben sich in Lebensgefahr.

NOTFALLSENDER IN ISLAND

Island ist nicht nur für aktive Vulkane, heiße Quellen, tosende Wasserfälle und mächtige Gletscher bekannt, sondern auch für urplötzliche Wetterumschwünge und dramatische Temperatureinbrüche berüchtigt. Laut der isländischen Such- und Rettungsgesellschaft ICE-SAR sind Unfälle in der Natur die zweithäufigste Todesursache unter den Island-Touristen, hinter Verkehrsunfällen. Im Schnitt sterben dabei drei Menschen pro Jahr. Knapp fünf Prozent der inzwischen jährlich rund 1,3 Millionen ausländischen Touristen in Island sind Trekking-Urlauber.

Sigrídhur Dögg Gudhmundsdóttir von der Touristeninformation drückt es diplomatisch aus: "Das Wetter in Island ist sehr variabel." Sie legt Trekking-Urlaubern vor allem den Wetterbericht sowie die aktuellen Warnungen und generellen Sicherheitshinweise auf www.safetravel.is nahe. Dort können Naturreisende auch ihren Reiseplan hinterlassen. Ohnehin sollte man die geplante Route einer vertrauenswürdigen Person mitteilen, die im Ernstfall reagieren kann. Notfallsender können bei der Touristeninformation in Reykjavik oder dem Infocenter in Ísafjördhur für neun Euro pro Tag ausgeliehen werden.

BERGKODEX IN NORWEGEN

Auch in abgelegenen Gefilden Norwegens zählen schlechte Vorbereitung, die Überschätzung der eigenen Kondition, leere Handy-Akkus und fehlende Notfallnummern zu den größten selbst gemachten Gefahren bei Outdoor-Unternehmungen. Hilke von Hoerschelmann von der norwegischen Tourismusvertretung Innovation Norway verweist darauf, dass Norwegens Fläche ungefähr der von Deutschland entspricht, die Einwohnerzahl aber nur leicht über der von Berlin liegt. "Bei Outdoor-Aktivitäten ist man deshalb zumeist auf sich allein gestellt und sollte sich entsprechend vorbereiten." Die Norweger haben einen Bergkodex mit Faustregeln. Immer auf Frost und Schlechtwetter einstellen. Und: Im Zweifelsfall rechtzeitig umdrehen – das ist keine Schande.

PLANUNG IST ALLES

Der Outdoor-Autor und Alpinismus-Experte Uli Auffermann empfiehlt wegloses Gelände ohne Orientierungsmöglichkeit nur Fortgeschrittenen – also denen, die Karte, Kompass und GPS-Gerät sicher beherrschen. Das Kartenlesen will gelernt sein - vor der Reise. Zum Beispiel sei es wichtig, bereits bei der Vorbereitung einer Route Geländesprünge zu erkennen. Und auch ausgewiesene Wege können tückisch werden, wenn Markierungen verschwinden. Beim Kartenlesen müsse man nicht zum großen Experten avancieren - aber es sei wichtig, erkennen zu können, wie das Gelände aussieht. Wer erfolgreich sein will, sollte sich möglichst umfangreich mit der Tour auseinandersetzen. Am besten erkundigt man sich bei anderen nach Erfahrungswerten.

DEN KOMPASS KALIBRIEREN

Der Kompass ist das zuverlässigste Gerät für die Orientierung im weglosen Gelände. Er funktioniert ohne Strom, technische Probleme gibt es nicht. In Island jedoch muss eine geografische Besonderheit unbedingt beachtet werden: Durch die Nähe zum Pol ist es notwendig, das Gerät zwischen dem geografischen und dem magnetischen Nordpol zu kalibrieren, also den Winkel zwischen Geografisch-Nord und Magnetisch-Nord zu berücksichtigen. In Deutschland ist die Abweichung gering und daher zu vernachlässigen, in Island kann die sogenannte Deklination den Wanderer vom sicheren Pfad wegführen. Sie liegt dort im Bereich von 12 bis 18 Grad von Ost nach West.

ERFAHRUNG UND RESERVEN

Jens Kuhr vom Deutschen Wanderverband empfiehlt, nicht zu ehrgeizig zu sein: "Wird die Tour anstrengender als gedacht, kann dies den Wanderspaß gründlich verderben." Und für Outdoor-Profi Uli Auffermann bedeutet unbekanntes Gelände vor allen Dingen: Reserven haben. "Ich sollte niemals Touren angehen, die mich physisch wie auch psychisch überfordern. Das bedeutet, ich muss mich gut einschätzen können." Eine wichtige Trekking-Maxime: Erfahrung gewinnen und langsam in die Materie hineinwachsen. Also lieber erst einmal Trips in sicheren Gefilden unternehmen, bevor man sich ins große Island-Abenteuer stürzt. "Da liegen Welten dazwischen", sagt Auffermann.

WEGWEISENDE TIPPS

Die Technik wird immer besser - das macht die Orientierung im Gelände oft einfacher. Ein GPS-Gerät aber sollte stets in Verbindung mit einer guten Karte benutzt werden, rät Jens Kuhr. Idealerweise habe die Karte einen Maßstab von mindestens 1 zu 50 000, besser sei 1 zu 25 000. Neben passender Kleidung und ausreichend Wasser sollte bei Wanderungen eine kleine Erste-Hilfe-Ausrüstung Standard sein. Abseits der Zivilisation kann beispielsweise eine stark blutende Wunde unmittelbare Lebensgefahr bedeuten. Eine Lampe macht Sinn, wenn eine Tagesetappe einmal länger dauert.

Uli Auffermann hat einen weiteren guten Tipp für alle, die sich in relativ eintönigem Gelände bewegen: "An Wegabzweigen immer umdrehen und schauen, wie der Weg umgekehrt aussieht." Verläuft man sich, ist es hilfreich zu wissen, wo man hergekommen ist.

So ernst das Thema Outdoor-Sicherheit ist, speziell die Isländer beweisen dabei auch Humor. Ihre Such- und Rettungsgesellschaft weist zum Beispiel auf weitere Verwendungszwecke eines professionellen Kompasses hin: Mit Hilfe des Deckels könne der Wanderer "das beste Wasser der Welt" aus klaren Gebirgsbächen schöpfen - und mit dem klappbaren Spiegel sicherstellen, am Ziel respektabel auszuschauen.