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Diese Summe schreckt auch die Branchenriesen in der Fußball-Bundesliga: Inmitten der Coronavirus-Krise hallen die mahnenden Worte von Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke noch kräftig nach, da wird den Clubs das ganze ökonomische Ausmaß einer drohenden Saison-Absage bewusst. Rund eine dreiviertel Milliarde Euro steht für die 36 Profivereine auf dem Spiel. Eine Versicherung zum Beispiel für entgangene TV-Einnahmen gibt es auch für einen möglichen Abbruch durch die Pandemie nicht. Das wurde der Deutschen Presse-Agentur aus Ligakreisen bestätigt. Das erste Ziel des Spitzenfußballs lautet nun: Den Kollaps verhindern.

750 Millionen könnten fehlen

Sollte die Saison tatsächlich nach 25 Spieltagen beendet werden, würde allein durch den Wegfall der Fernsehgelder für die letzten neun Runden bei etwa 1,4 Milliarden Euro TV-Gesamtgeldern für alle 34 Spieltage ein Einnahmeausfall von rund 370 Millionen Euro anfallen. Die TV-Sender und Streamingdienste könnten die nicht erbrachten Leistungen demnach geltend machen, weiß man auch bei der Deutschen Fußball Liga. "Es handelt sich um private Vertragsvereinbarungen, die verständlicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind", hieß es hierzu vom Hauptvertragspartner Sky.

Beträchtlicher ökonomischer Schaden im jeweils dreistelligen Millionenbereich entstünde zudem durch entgangene Sponsorengelder und fehlende Eintrittsgelder. Die spürbar zunehmende Nervosität in den Chefetagen der Clubs hat also ihren Grund. "Es ist schon ein substanzieller Betrag. Wir sind auch ein Wirtschaftsunternehmen. Wir sind zwar ein Fußballverein, aber ist natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor. Von daher ist es natürlich auch ein Punkt, der bitter ist in der Bundesliga, aber jetzt gilt es wirklich erstmal Ruhe zu bewahren", sagte Alexander Wehrle, Geschäftsführer des 1. FC Köln und DFL-Präsidiumsmitglied, dem Sender RTL/ntv.

"Größte Krise"

Bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball Liga am Montag in einem Frankfurter Airport Hotel geht es also um viel mehr als nur um die ersten Schritte zur Bewältigung der laut Watzke "größten Krise" des deutschen Profi-Fußballs. Die Suche nach dem bestmöglichen Weg die Saison unter den schwierigen Bedingungen bis spätestens zum 30. Juni noch zu Ende zu bringen hat Priorität, aber der Begriff "Zerreißprobe" macht längst die Runde, denn im schlimmsten Fall könnten die Folgen über diese Spielzeit hinausgehen.

"Es steht zu hoffen, dass die Bundesliga-Clubs in den vergangenen Jahren so viel Substanz gebildet haben, dass alle diese Krise überstehen", hatte Watzke gesagt und damit die zuvor getroffenen Aussagen von Rummenigge untermauert. "Wenn diese Zahlung ausbleiben würde, wäre zu erwarten, dass zumindest viele kleine und mittlere Vereine finanzielle Probleme kriegen würden", hatte der Bayern-Chef seine skeptische Haltung für eine Spieltagsabsage begründet. Für das Geständnis, auch aus ökonomischen Kalkül lange mit der Absage des Spieltags an diesem Wochenende gezögert zu haben, hatte Rummenigge Kritik in sozialen Netzwerken geerntet.

"Wo soll dieses Geld herkommen?"

Die bereits andiskutierte Einführung eines Fußball-Solidarfonds wird in Ligakreisen skeptisch betrachtet. "Wo soll dieses Geld herkommen?", lautet die Gegenfrage - man sei nicht die Europäische Zentralbank und könne auch keine Notreserven anzapfen wie die Bundespolitik. Mit Erstaunen nimmt man im DFL-Führungszirkel zur Kenntnis, dass ausgerechnet die Branchenriesen aus München und Dortmund, die für eine ökonomische Krise noch gut gewappnet scheinen, das Thema öffentlich aufbringen. Die womöglich eher betroffenen finanzschwachen Vereine aber noch schweigen.

Kollektiv wird sich der deutsche Profi-Fußball für eine Verschiebung der EM ins Jahr 2021 aussprechen, über die die UEFA am Dienstag entscheidet. Pragmatismus fällt in der momentanen Lage ansonsten schwer - zumal niemand weiß, ob nach der eigentlich geplanten Länderspielpause die Liga am ersten April-Wochenende überhaupt schon wieder spielen kann. Bestmöglich könnte dies angesichts der dramatischen Coronavirus-Ausmaße wohl mit Geisterspielen gelingen, sofern die Behörden zustimmen. Der nächste Konflikt mit der immer noch aufgewühlten Fan-Szene, die vehement gegen einen Zuschauerausschluss ist, wäre programmiert.

Auch sportliche Fallszenarien für eine Komplett-Absage werde man am Montag diskutieren, hieß es. Die Optionen sind dabei laut Statuten vielfältig. Mit Dreiviertel-Mehrheit könnte eine Meisterkür nach derzeitigem Tabellenstand am Grünen Tisch erfolgen. Wahrscheinlicher wäre, dass es 2020 keinen deutschen Fußball-Meister gibt. Auch eine Aufstockung der Liga, um harte Auf- und Abstiegsfragen zu vermeiden, müsste die Mitgliederversammlung mit großer Mehrheit beschließen. Entscheidungen in dieser Frage werden aber noch nicht erwartet.