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Mario Balotelli entledigte sich seines blauen Trikots, spannte seine stählernen Muskeln an und demonstrierte auf diese Weise auch optisch die starke Überlegenheit der „Squadra Azzurra“ im Spiel gegen die unterlegene Deutsche Fußballnationalmannschaft – ein Bild italienischer Stärke, das um die Welt ging.

Es war der 28. Juni 2012 und ein wohlbekanntes Gefühl der Enttäuschung für deutsche Fußballfans, als die DFB-Elf im Halbfinale der letzten EM in Polen ausschied. Denn auch bei der WM 2006 im eigenen Lande waren es die „Azurblauen“, die die Titelträume einer ganzen Fußballnation im Halbfinale zunichtemachten.

Exakt zehn Jahre später trifft der technisch versierte Kombinationsfußball Deutschlands erneut auf das von Taktik geprägte italienische Mauerwerk, das bei der diesjährigen Europameisterschaft in Frankreich allerdings auch mit schnellem und offensivem Konterfußball überzeugen konnte, wie das Team von Trainer Antonio Conte gegen den favorisierten Titelverteidiger Spanien jüngst im Achtelfinale, das die Italiener mit 2:0 für sich entscheiden konnten, unter Beweis stellte.

Die Vorzeichen für den 02. Juli sind dennoch andere: Denn die Deutsche Fußballnationalmannschaft reist als Weltmeister ins Stade de Bordeaux, wo am 21 Uhr der Anpfiff für das Dritte der vier Viertelfinals fällt. Für Italien hingegen war in Brasilien bereits in der Gruppenphase Schluss. Gegen die Italiener konnte eine deutsche Nationalmannschaft allerdings noch nie bei einer EM oder WM gewinnen – ein schlechtes Omen also für die anstehende Begegnung? Nicht unbedingt.

Wenn aus Angst Mut erwächst

Am Dienstag trat Team-Chef Jogi Löw zur Pressekonferenz an und stellte sich den Fragen der zahlreichen Journalisten, die den Bundestrainer wenig überraschend auf die nicht gerade vorzeigbare Bilanz des deutschen Fußballs gegen italienische Nationalmannschaften bei großen Turnieren hinwiesen. „Ich halte nichts davon, Dinge aus der Vergangenheit herbeizuziehen. Das ist kalter Kaffee. Ein frischer Espresso ist besser“, konterte Löw schon fast mit suspekt wirkender Gleichgültigkeit für die statistischen Zahlen .

Doch wie immer steckt ein wenig mehr dahinter, meinen auch Psychologen, die dem Bundestrainer immer wieder psychologische Raffinesse attestieren. Mental-Coach Thomas Baschab zum Beispiel erkennt den Hintergrund der scheinbaren Lässigkeit des Trainers: „Löw sendet ganz deutlich die Botschaft: Die Vergangenheit spielt überhaupt keine Rolle. Wir schauen nicht zurück, sondern nach vorne. Die Gelegenheit für einen Erfolg gegenüber diesem starken Gegner ist jetzt gekommen.“

Dies sehen auch andere Experten ganz ähnlich, die das selbstbewusste Auftreten des Trainingsleiters der DFB-Elf positiv einordnen: „Auch bei der WM ging man positiv in das Spiel gegen Gastgeber Brasilien, der vorab als stärker eingeschätzt wurde. Am Ende gewann man 7:1. Haben Löws Spieler die typisch deutsche Siegermentalität verinnerlicht, dann wird das Spiel gegen Italien auch ein positives Ende für Deutschland nehmen“, so die Einschätzung eines Fußballfachmanns von em2016.com .

Was man von der DFB-Elf lernen kann

Positives Denken ist also das richtige Konzept, um Erfolg zu haben. Könnte man zumindest meinen. In der Psychotherapie sind es aber insbesondere die negativen Gedanken und Erlebnisse, die vielen Menschen dabei helfen, im Leben weiterzukommen, mentale Hürden zu überwinden und am Ende tatsächlich Erfolg zu haben und glücklich zu sein.

Positives Denken macht krank “, so lautet der Titel eines Sachbuchs des Psychologen Günter Scheich, der erklärt, dass allzu positives Denken eher dazu führe, Gefahren und Risiken einer Situation nicht zu erkennen. „Verdrängungspsychologie“ nennt dies der Fachmann, der zugleich meint, dass man durchaus Vertrauen in die eigene Stärke haben darf, diese aber nutzen sollte, um seine Angst zu überwinden und nicht zu überspielen.

Und exakt dies versucht Jogi Löw, auch bei seiner teils noch recht jungen Mannschaft umzusetzen. Wir haben keine Angst vor den Italienern, sondern Zutrauen in unsere eigenen Fähigkeiten“, sagt Löw, warnt aber auch: „Das ist ein viel besseres Italien als 2008 oder 2010.“ Joachim Löw erinnert seine Spieler zum einen an die letzten negativen Erfahrungen mit der Squadra Azzurra, hebt aber zugleich die eigene Stärke hervor. Vergangenes und Zukünftiges werden klug miteinander verknüpft.

Thomas Baschab meint dazu: „Die deutsche Mannschaft ist sich voll dessen bewusst, was sie selbst kann. Mit diesen Worten gibt Löw das Signal, dass er an die Spieler glaubt, dass er ihnen vertraut.“ Der mittlerweile erfahrene Bundestrainer setzt also kurz vor dem Spiel gegen die Italiener das richtige Zeichen, von dem auch die deutschen Fans lernen können – und das nicht nur für sportliche Herausforderungen.

Keine Angst vor dem Verlieren

Bereits andere Sportgrößen zeigten im Laufe ihrer Karriere, wie man mit der richtigen mentalen Einstellung nahezu Übermenschliches erreichen kann. Bestes Beispiel: Arnold Schwarzenegger, der für viele als der beste Bodybuilder aller Zeiten gilt.

„Anything I've ever attempted, I was always willing to fail“, lautet die zentrale Aussage des ehemaligen kalifornischen Gouverneurs, als er 2009 seine Antrittsrede an der „University of Southern California“ hält. Ein unbedingter Siegeswille ohne Angst, auch einmal zu verlieren, zu scheitern, dies sei das Erfolgsgeheimnis des Sportlers, Schauspielers und Politikers gewesen.

Niederlagen als zwingende Grundlage für spätere Erfolge propagiert auch Apple-Gründer Steve Jobs in einem früheren Interview . Ein Blick in die Historie beweist unterdessen: Stets starteten die großen Erfolgsgeschichten mit tragischen Niederlagen. Die weltberühmte Talkshow-Moderatorin Oprah wurde mit den Worten „unfit for television“ bei einem lokalen US-amerikanischen TV-Sender gefeuert, bevor sie zur erfolgreichsten TV-Moderatorin aller Zeiten wurde.

Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling musste zwölf Verlagsabsagen akzeptieren, bevor ihre Geschichte über einen jungen Zauberer namens Harry Potter in einem kleinen Buchladen namens Bloomsbury die ersten 1.000 Kopien verkaufte. Mittlerweile wurden über 450 Millionen Exemplare gedruckt.

Michael Jordan wurde in der neunten Klasse aus dem Schul-Basketballteam geschmissen, weil er zu schlecht sei, und Barack Obama erhielt im Jahr 2000 nicht einmal ein Ticket für den Parteitag der Demokratischen Partei in den USA, bevor er 2009 zum ersten afroamerikanischen US-Präsidenten gewählt werden sollte. Und wer weiß, vielleicht wird die Deutsche Fußballnationalmannschaft am Samstag erstmalig bei einem Endrundenturnier gegen Italien und die EM erstmalig nach 1996 gewinnen.