Man kann Christian Stückl getrost als Naturtalent bezeichnen. Abseits der großen Theatermetropolen gründet er als Jugendlicher im Passionsspielort Oberammergau mit Freunden eine Theatergruppe. 1985 führen sie den „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare auf. Im Publikum sitzt der Münchner Journalist Erich Kuby. Er ist so angetan von der Inszenierung, dass er dem jungen Oberammergauer eine Assistenz an den Kammerspielen in München vermittelt. Dort arbeitet Stückl unter anderem mit Dieter Dorn und Volker Schlöndorff.

Zwei Jahre später erfüllt sich Christian Stückls großer Kindheitstraumtraum. Mit nur 24 Jahren wird er vom Oberammergauer Gemeinderat zum Passionsspielleiter gewählt. Weil alle seine Vorgänger Holzschnitzer waren, hat auch er sich zum Holzbildhauer ausbilden lassen. Richtig Spaß gemacht hat ihm der Beruf aber nie, und so hängt er die Bild- hauerei bald an den Nagel. Sein Werkzeug verschenkt er.

1990 leitet er sein erstes Passionsspiel und wird Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Er arbeitet als freier Regisseur in ganz Deutschland und in Österreich. 2002 schließlich wird er Intendant des Volkstheaters in München, das er bis heute leitet.

Viel hat sich verändert in Oberammergau, seit Christian Stückl im Passionsspielhaus tätig ist. Der jahrelange Dornröschenschlaf der Passionsspielbühne früherer Zeiten ist Geschichte. Jeden Sommer gibt es dort inzwischen eine große neue Produktion. Dieses Jahr bringt der Regisseur den „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner auf die Bühne. Die Solisten und das Orchester sind internationale Künstler, die Chorsänger und alle weiteren Beteiligten kommen aus Oberammergau. Darauf legt Stückl großen Wert, auch im Blick auf das alle zehn Jahre stattfindende Passions- spiel. Da müssen dann wirklich alle Mitwirkenden, ob Darsteller, Chorsänger, Bühnenbildner oder auch der Musikalische Leiter aus dem Dorf kommen. Und so sichert der Passionsspielleiter frühzeitig den Oberammergauer Theaternachwuchs.

Auch eine kleine Rolle für einen jungen, aus seiner Heimat geflüchteten Afghanen hat Stückl in den „Holländer“ ein- gebaut. Den 17-jährigen Suleman hat er, wie ein paar weitere Geflüchtete, im Asylbewerberheim in Oberammergau kennengelernt. Es ist ihm ein Anliegen, diese jungen Menschen im Ort zu integrieren. „Die sind manchmal schon froh, wenn du einfach am Sonntag anrufst und sie auf einen Kaffee aus der Tristesse der Flüchtlingsunterkunft rausholst“, sagt Stückl, „die haben solche Geschichten erlebt, da ist es wert, dass man ihnen zuhört.“

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