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AKTE

MMS: So gefährlich ist das "Wundermittel" Chlordioxid

Staffel 2021Episode 4119.10.2021 • 22:15

MMS (Miracle Mineral Supplement) gilt als Allheilmittel gegen viele Krankheiten. akte. zeigt, wie das giftige Chlordioxid die Gesundheit massiv schädigen kann.

Salzsäure und Natriumchlorit: Dabei handelt es sich um zwei ätzende Chemikalien, die in der Industrie als Reiniger verwendet werden. Aber immer mehr Menschen trinken diese gesundheitsschädlichen Flüssigkeiten auch. Sie glauben: Mit dem Wundermittel MMS können tödliche Krankheiten wie Corona, Aids, Krebs oder Malaria geheilt werden.

Bislang hat keine einzige wissenschaftliche Studie eine positive Wirkung von MMS nachweisen können. Fest steht hingegen: Wer die hochätzende Flüssigkeit trinkt, setzt seine Gesundheit immensen Gefahren aus. Trotzdem kann man es einfach und rezeptfrei im Internet bestellen.

Was ist MMS und gegen welche Krankheiten soll das "Wundermittel" helfen?

MMS steht für Miracle Mineral Supplement, frei übersetzt also "mineralisches Wunderergänzungsmittel". Das Produkt besteht aus der Chemikalie Natriumchlorit und einer aktivierenden Flüssigkeit - zum Beispiel Salzsäure. Werden diese beiden ätzenden Flüssigkeiten miteinander vermischt entsteht sehr giftiges Chlordioxid.

In der Industrie wird Chlordioxid beispielsweise als Bleichmittel oder Entkalker verwendet. Seit Jahren wird es aber auch als "Wundermittel" gegen Krankheiten wie Krebs, Malaria, Asthma, Autismus, Hepatitis – und neuerdings auch gegen Corona – angepriesen. Auch bei Halsschmerzen oder Erkältungen soll MMS schnell helfen.

Jim Humble: Ex-Scientologe ist der Erfinder von MMS

Der Vater des MMS-Kultes ist der US-Amerikaner Jim Humble. 2008 schreibt der frühere Ingenieur erstmals über die angeblich heilende Wirkung dieser ätzenden Chlorbleiche. Der heute 87-jährige war 25 Jahre Scientology-Mitglied und gründete danach seine eigene Sekte. Mit seinen Heilversprechen gewinnt Humble seither viele Anhänger.

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland tausende Menschen, die an dieses Wunderheilmittel glauben- und Chlordioxid regelmäßig verdünnt mit Wasser trinken.

Mediziner und Behörden warnen vor der Verwendung von MMS

Seit das angebliche Wundermittel erstmals auf den Markt kam, warnen Ärzte vor der Einnahme von Chlordioxid.

Ärztin Jutta Hübner ist Professorin für Integrative Onkologie und hat sich jahrelang mit MMS beschäftigt.

Die renommierte Medizinerin warnt im Interview mit akte.: "Wenn man dieses Chlordioxid trinkt, dann kommt es ja unmittelbar auf die Schleimhäute, im Mundbereich, beim Herunterschlucken ist es die Speiseröhre. Das sind sehr empfindliche Gewebe im menschlichen Körper. Und durch diese sehr aggressive Substanz kann es zu Verätzungen, also starken Schleimhautverletzungen, kommen."

Im schlimmsten Fall sogar zum Tod: "Wenn ich die Schleimhaut in der Speiseröhre so verletzte, dass es zu einer Lochbildung kommt, dann kann ein lebensbedrohlicher Zustand eintreten."

Schon 2012 warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ausdrücklich vor der Anwendung des Produkts. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat sich dieser Warnung 2014 angeschlossen. Zudem hat es 2015 die "Miracle Mineral Supplement"-Produkte MMS und MMS2 als zulassungspflichtige und bedenkliche Arzneimittel eingestuft.

Unter diesen Namen wird MMS zum Kauf angeboten

Als Heilmittel beworben oder verkauft werden darf Chlordioxid in Deutschland nicht. Wer das tut, macht sich strafbar.

Deshalb deklarieren viele Händler die MMS-Produkte völlig legal als reinigenden Wasseraufbereiter. Für den industriellen Gebrauch ist das ätzende Desinfektionsmittel in Deutschland frei verkäuflich.

Seit Behörden vermehrt vor MMS warnen, bieten Verkäufer die Produkte auch unter anderen Namen an. So wird das "Miracle Mineral Supplement" immer häufiger als CDL (Abkürzung für "Chlordioxidlösung") oder CDS (Abkürzung für den englischen Begriff "Chlordioxide Solution") vertrieben.

Was behaupten die MMS-Anhänger?

MMS-Anhänger meinen, dass Chlordioxid nur die bösen Zellen im Körper zerstört und die gesunden verschont. Einen wissenschaftlichen Beweis für diese Behauptung gibt es nicht. Was es gibt sind Erfahrungsberichte und Spekulationen in Büchern und im Netz.

akte.- Reporterin Vanessa Deubel trifft sich mit MMS-Anhänger Markus aus Ravensburg. Er trinkt eine solche Lösung regelmäßig seit über drei Jahren. Erst nach drei Monaten Recherche hat die Reporterin einen Anhänger des Wundermittels gefunden, der offen vor der Kamera darüber sprechen will.

"In meinem Freundeskreis nehmen alle Chlordioxidlösung", berichtet Markus. Dass er damit seine Gesundheit gefährdet, hält er für ausgeschlossen.

"Es ist komplett unbedenklich – Also: So wie man es einnimmt, ist es komplett unbedenklich, ja, weil es einfach sehr verdünnt ist. Es geht ja um die Verdünnung. Es wird so stark verdünnt, dass es halt nicht ätzend ist."

Hinter der Kritik an MMS, so behauptet Markus, stehen entweder Unwissen oder wirtschaftliche Interessen: "Wer sich negativ zum Chlordioxid äußert der hat erstens keine Ahnung, der hat sich nie wirklich damit beschäftigt. Oder er ist halt industriegesteuert, der hat halt pharmazeutische Interessen."

So wie Markus denken viele Verfechter des angeblichen Heilmittels. Die Pharmaindustrie halte es angeblich zurück, um Geld mit ihren eigenen Medikamenten zu verdienen. Die meisten Anhänger der Szene wehren sich gegen Vorwürfe, meinen die Medien würden Chlordioxid schlecht darstellen. 

MMS-Anhänger klagen selbst über heftige Nebenwirkungen

Dass das „Wundermittel“ ernstzunehmende Nebenwirkungen hat, belegen Zahlen: Laut Giftnotrufzentrale Essen haben sich die Notrufe wegen MMS seit 2020 sogar verdreifacht. Und auch die eigentlichen Befürworter des angeblichen Wunderheilmittels auf Facebook klagen häufig über heftige Nebenwirkungen.

Auch bei Markus geht die Einnahme des ätzenden Mittels nicht immer glimpflich aus.

"Ich hab‘ das auch mal so ein bisschen übertrieben und dann ging es mir 3 Tage mal nicht gut. Da hatte ich so schwere Grippe-Symptome, aber ich habe gemerkt, es ist einfach ein Entgiftungsprozess. Ja, und am dritten Tag hab‘ ich mich dann richtig erleichtert gefühlt, also es kam auch alles raus, die ganzen Biofilme aus den Nasennebenhöhlen und der ganze Schlack, das kam alles raus. Ich musste also permanent Nase putzen, viel trinken und ich hatte auch einen starken Appetit- was so Symptome sind, die auf eine Entgiftung hinweisen."

Expertin: MMS kann Krebs auslösen

Was der MMS-Anhänger für eine Entgiftung hält, kann für seine Gesundheit allerdings zu einem ernsten Problem werden.

Prof. Hübner erklärt: "Wir wissen, dass chronische Reizungen, chronische Entzündungen, die man gar nicht unbedingt merken muss – gerade an der Schleimhaut – langfristig zur Veränderung von Zellen führen. Letztendlich kann durch sowas sogar Krebs ausgelöst werden."

Was die MMS-Behandlung wirklich in Markus Körper angerichtet hat, so erklärt die Medizinerin, könnte nur eine Spiegelung sowie die Entnahme von Gewebeproben klären.

Sich vor der Kamera von einem Arzt untersuchen lassen, möchte Markus nach schriftlicher Nachfrage aber doch nicht.

akte.-Experiment zeigt: So schädlich ist MMS

Wie schädlich MMS sein kann, zeigt ein akte.-Experiment:  Wir haben schwarze Stoffstücke in einer trinkfertigen Chlordioxidlösung eingeweicht. Nach 24 Stunden holt Reporterin Vanessa Deubel die Textilien aus der Lösung. Das Ergebnis: Der Stoff ist total gebleicht.

Für Medizinerin Prof. Hübner ist damit ein klarer Beweis erbracht, was MMS im Körper anrichten kann: "Was man hier sieht: da hat sich schon deutlich was verändert. Wenn man es anfasst, merkt man schon: die Art, die Beschaffenheit hat sich deutlich verändert. Wenn man sich das jetzt mal auf der eigenen Schleimhaut vorstellt, dann kann man schon denken: Also das tut der nicht gut!"

Video: akte. konfrontiert Ärztin, die Krebskranke mit MMS behandelt

Trotzdem boomt die ätzende Chlorbleiche in Deutschland. Seminare zu diesem Thema können sogar rund 4.500 Euro kosten.

Damit nicht genug: Auch eine niedergelassene Ärztin behandelt Krebskranke mit Chlorbleiche. akte.-Reporterin Vanessa Deubel konfrontiert Dr. Antje O., die gerade für 240 Euro die Stunde eine Chlorbleiche gegen Krebs empfohlen hat.  

Die Szenen sehen Sie im Video.