Übergriffe werden nur selten gemeldet
Häusliche Gewalt für viele ein "privates Problem"
- Veröffentlicht: 24.11.2016
- 18:44 Uhr
- dpa
Gewalt in den eigenen vier Wänden gehört für zahlreiche Frauen zum schrecklichen Alltag. Meist holen sich weder Betroffene noch deren Angehörige Hilfe. Geht es nach der EU-Kommission, soll sich das in den nächsten zwölf Monaten ändern.
Für knapp jeden siebten EU-Bürger ist häusliche Gewalt eine Privatangelegenheit, die in der Familie geregelt werden sollte. Das geht aus einer Umfrage der EU-Kommission hervor, die die Behörde am Donnerstag in Brüssel vorstellte. Fast alle Befragten (96 Prozent) verurteilen solche Übergriffe zwar. Doch nur in den seltensten Fällen werden sie gemeldet. Von Gewalt in den eigenen vier Wänden sind vor allem Frauen betroffen.
Von den Menschen, die häusliche Gewalt in ihrem Umfeld mitbekommen, wendet sich der Umfrage zufolge nur etwa jeder Zehnte an die Polizei. 26 Prozent glauben, es ginge sie nichts an. Fast jeder Fünfte greift nach eigener Aussage aus Mangel an Beweisen nicht ein, beinahe genau so viele (jeweils 16 Prozent), weil ihnen die Situation unklar erscheint oder sie keinen Ärger bekommen wollen. Dass eigentlich Hilfe für Opfer verfügbar ist, ist den meisten EU-Bürgern (74 Prozent) klar. Wie viele Menschen häusliche Gewalt mitbekommen haben, wurde aus der Umfrage nicht ersichtlich.
Neue Kampagne geplant
Eine von der EU-Kommission bereits 2014 veröffentlichte Studie zeigt, dass etwa jede dritte Frau in den EU-Staaten körperliche und zum Teil auch sexuelle Gewalt erlitten hat. Mehr als die Hälfte wurde sexuell belästigt. In Deutschland werden nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes mehr als 100.000 Frauen pro Jahr Opfer von Gewalt in der Partnerschaft.
Mit einer europaweiten Kampagne will die Brüsseler Behörde das Bewusstsein für das Problem von Gewalt gegen Frauen und Mädchen nun schärfen. Von Behörden bis zu Selbsthilfegruppen sollen in den nächsten zwölf Monaten Hilfsprogramme quer durch Europa unter anderem finanziell unterstützt werden.
Vier Millionen Euro sollen beispielsweise direkt an die EU-Staaten etwa für Aufklärungsarbeit gehen. Weitere sechs Millionen werden im Rahmen der Kampagne für Projektideen zur Verfügung gestellt. «Ich hoffe, dass am Ende des Jahres jede betroffene Frau das Gefühl hat, sich bedenkenlos an die Polizei wenden zu können», sagte die Initiatorin und EU-Gleichstellungskommissarin Vera Jourova.