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Puzzle-Arbeit in Kiew

Wie sich Aktivisten in der Ukraine die Wahrheit zurückholen

  • Veröffentlicht: 11.03.2014
  • 15:45 Uhr
  • mma, AFP
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© AFP

In einer Ecke des Kiewer Büros türmen sich die Papierberge. Auf der Suche nach belastenden Dokumenten durchforsten Studenten, Rentner und andere Freiwillige die Hinterlassenschaft aus den Aktenvernichtern der entmachteten ukrainischen Führungsriege. In mühsamer Kleinarbeit kleben sie Papierschnipsel auf farbige Bögen, um diese zu nummerieren, zu scannen und abzuheften. Aus tausenden Puzzleteilen wollen sie sich ein Bild machen vom Ausmaß der Korruption in der Ukraine während der Amtszeit von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch.

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"Das macht mich wahnsinnig! Wir könnten reich sein. Dieses Geld gehört uns", sagte Lena Switowez, eine frühere Immobilienmaklerin, die wegen der Wirtschaftskrise in der Ukraine arbeitslos wurde. "Es ist wichtig zu verstehen, was unser Präsident und die Verbrecher um ihn herum getan haben. Sie haben unserem Land so sehr geschadet", erklärt Produktmanager Sergej Suschizki.

Mit dutzenden weiteren Freiwilligen durchforsten die beiden 30 Müllsäcke voller geschredderter Dokumente, die Aktivisten in den Büros des Oligarchen Sergej Kurschenko sichergestellt haben. Der 28-Jährige ist Besitzer der ukrainischen Ausgabe des  "Forbes"-Magazins sowie des Fußballclubs Metalist Charkiw. Sein Name findet sich auf der Sanktionsliste der EU gegen Vertreter der ukrainischen Machtelite. Seit dem Umsturz in Kiew wird gegen Kurschenko wegen Geschäften im Energiesektor ermittelt.

Toilettenpapierhalter für 400.000 Dollar

Die Bürgerdetektive haben sich bereits durch Berge von Dokumenten aus Janukowitschs Villa außerhalb Kiews gewühlt, die in letzter Minute durch den Aktenvernichter gejagt oder einfach per Hand zerrissen worden waren. Das Notebook von Janukowitschs Sicherheitschef Konstantin Kobsar konnte gerettet werden. Die darauf gespeicherten Daten wurden neben anderen Enthüllungen auf der Seite "yanukovychleaks.org" ins Netz gestellt.

Dort finden sich die Tagesplanungen des Ex-Präsidenten, aber auch Belege für die Überwachung missliebiger Journalisten, unter ihnen Tetjana Tschornowil, die Ende Dezember von Unbekannten zusammengeschlagen worden war. Die Daten zeigen, dass die Reporterin, die inzwischen das ukrainische Anti-Korruptions-Komitee leitet, über ihr Mobiltelefon verfolgt wurde.
Modehistorikerin Irina Pogorschelska überwacht die Arbeit der Freiwilligen. "Für mich ist das wie ein Krimi", sagt die Aktivistin, die wie viele ihrer Mitstreiter auf dem Maidan gegen die alte Führung in Kiew protestiert hatte. Sie zeigt aus zerrissenen Papierschnipseln zusammengesetzte Architektenzeichnungen für eine opulente Janukowitsch-Villa.

Die bisher sichergestellten Dokumente zeigen, dass Janukowitschs Ausgaben für seine Residenz in keinem Verhältnis zu seinem offiziellen Präsidentengehalt von 115.000 Dollar (83.000 Euro) standen. Pogorschelska ist empört über die horrenden Kosten für den Garten und die Inneneinrichtung: "Wir haben einen Toilettenpapierhalter im Wert von 400.000 Dollar (288.000 Euro) entdeckt!"

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Nur 20 Prozent der Dokumente können gerettet werden

Nach dem Sturz der alten Führung ist in der Ukraine nun auch die Stunde der investigativen Journalisten gekommen. "Für Journalisten ist das eine sehr seltene Möglichkeit, Zugang zu solchen Daten zu bekommen", sagt Redakteur Sergej Leschenko vom Online-Nachrichtenportal "Ukrainska Prawda". Aus den Dokumenten lasse sich eine "Bücherei der Korruption" aufbauen. Mit Programmen wie "Unshredder", die geschredderte Dokumente digital wiederherstellen, könnte sich die Arbeit beschleunigen, so die Hoffnung der Aktivisten. Sie wollen möglichst viele Beweise zusammentragen, um eine Strafverfolgung der Täter zu ermöglichen.

Nach Einschätzung des Journalisten Denis Begus lassen sich wohl nur 20 Prozent der Dokumente wieder rekonstruieren. "Es könnte einen Monat, ein Jahr oder zwei Jahre dauern, aber ich glaube, der Wert der Dokumente lohnt das Warten."

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