Schlank für immer: Lebensgefahr durch pflanzliche „Diätpillen“

Der Markt für pflanzliche „Diätpillen“ boomt. Auch bei gelegentlichen Zweifeln an der Wirksamkeit vermuten die meisten Anwender, dass ihnen diese Präparate zumindest nicht schaden. Ein fataler Irrtum: Vermeintlich pflanzliche „Diätpillen“ werden immer öfter mit Amphetaminen versetzt. Das ist äußerlich nicht erkennbar und kann lebensgefährlich werden.

Gepanschte Nahrungsergänzungsmittel weit verbreitet

Egal ob es um Multivitamine, Fischölkapseln oder die unzähligen pflanzlichen Nahrungsergänzungsmittel geht: Viele Anwender (und Nicht-Anwender) haben so ihre Zweifel daran, ob diese Supplemente tatsächlich in der angepriesenen Form wirksam sind. Und das völlig zurecht: Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel, und haben deshalb per se keine medizinische Wirkung. Fast immer sind die beworbenen Gesundheitseffekte nicht belegt.

Trotzdem nehmen viele Verbraucher diese Supplemente ein – denn trotz Zweifeln an der Wirksamkeit denken wohl die Meisten, dass sie ihrer Gesundheit damit zumindest nicht schaden werden. Doch das ist unter Umständen ein fataler Irrtum. In Fachkreisen ist seit Jahren bekannt, dass eigentlich unwirksame Nahrungsergänzungsmittel mit pharmakologisch aktiven Substanzen gepanscht werden, um Effekte zu erzielen. Für den Anwender ist dies nicht ersichtlich: die zugesetzten chemischen Komponenten werden auf den Zutatenlisten nicht genannt.

Daraus kann sich eine erhebliche Gesundheitsgefahr ergeben, denn in aller Regel handelt es sich bei den illegal zugesetzten Komponenten um kritische Wirkstoffe oder sogar um Substanzen, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. 

Am häufigsten betroffen: Potenzmittel und „Diätpillen

Zu den Nahrungsergänzungsmitteln, die am häufigsten mit illegalen Substanzen versetzt werden, gehören neben obskuren Kräuterpräparaten zur Potenzsteigerung vor allem die vermeintlich rein pflanzlichen „Diätpillen“. Beispielsweise steht auf der Verpackung der Diätpillen "Slim Diamond Life“, dass sie nur rein pflanzliche Inhaltsstoffe enthalten. Doch eine chemische Analyse ergab folgendes: 

  • Etikett: L-Carnitin, Grüner Tee, Mate, Quinoa, Chia, Guarana, Gelatine
  • Tatsächlich enthalten: Sibutramin, Phenolphthalein

Für alle, denen diese beiden Namen nichts sagen: Sibutramin ist ein aufgrund lebensgefährlicher Risiken aus dem Handel genommener Amphetamin-Abkömmling, Phenolphthalein ist ein krebserregendes und ebenfalls nicht mehr zugelassenes Abführmittel.

Besonders häufig nachgefragte Supplemente, die als „Diätpillen“ beworben werden und in denen das verbotene Sibutramin gefunden wurde, sind beispielsweise:

  • 7 Days Slim hip & Legs (Kapseln)
  • Lishou Strong Slimming (Kapseln)
  • Perfect Slim by Peenuch (Kapseln)
  • Slim Body Advanced (Kapseln)

Lebensgefährliche Nebenwirkungen

Nach der Einnahme von Sibutramin kommt es im Nervensystem zu erhöhten Konzentration der beiden Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin. In der Folge wird zwar der Appetit reduziert und die Fettverbrennung gesteigert. Doch durch die unspezifische Wirkung sind nahezu alle Organe des Körpers von der Sibutramin-Wirkung betroffen. Das erklärt die vielfältigen Nebenwirkungen, die von vergleichsweise harmlosen Kopf- und Bauchschmerzen bis hin zu kritischen Effekten am Herz-Kreislauf-System und der Psyche reichen:

  • Herz-Kreislauf-System: Herzrasen, Blutdrucksteigerung, Herzinfarkt, Schlaganfall
  • Psyche: Angststörungen, Schlafstörungen, Depressionen

Diesen schwerwiegenden und teilweise lebensgefährlichen Risiken von Sibutramin stehen die „Vorteile“ eines allenfalls geringen Gewichtsverlusts gegenüber.

Besonders perfide: Sibutramin in pflanzlichen „Diätpillen“

Bereits als zugelassenes Arzneimittel war die Einnahme von Sibutramin hochriskant. Dabei war die Dosierung relativ niedrig war, im Beipackzettel wurde vor Nebenwirkungen und Kontraindikationen gewarnt und Wechselwirkungen konnten durch gezielte Prüfung vermieden werden.

Das ist bei der nicht deklarierten Beimischung von Sibutramin zu vermeintlich harmlosen, pflanzlichen „Diätpillen“ anders: Da die Anwender gar nicht wissen, dass die Präparate Sibutramin enthalten, nehmen sie es ggf. trotz bestehender Kontraindikationen ein. Gerade bei Adipositas ist das Risiko für Herzinfarkte bei der Anwendung besonders hoch. Es wird nicht geprüft, ob es möglicherweise gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt, die eingenommen werden.

Und zuletzt: Die in den sichergestellten Präparaten gefundenen Sibutramin-Dosierungen liegen teilweise erheblich über denen der früher verwendeten Arzneimittel. So betrug die übliche Dosierung von Sibutramin früher in der Regel 10 mg pro Tag, während in den bekannten Fällen der illegalen Beimischung zu „Diätpillen“ Dosierungen von 18 mg pro Tag und höher verwendet werden.

All dies trägt dazu bei, dass die Einnahme der mit Sibutramin versetzten „Diätpillen“ noch viel gefährlicher ist als die Einnahme jener Arzneimittel, die wegen massiver Gesundheitsgefahren vom Markt genommenen wurden.

Phenolphthalein: blutige Durchfälle und krebserregend

Neben Sibutramin gibt es eine zweite Substanz, die häufig als nicht-deklarierte Beimischung in „Diätpillen“ verwendet wird: Phenolphthalein. Diese Substanz wurde bereits im 19. Jahrhundert in der Chemie als Farbstoff und pH-Indikator eingesetzt. Der Mechanismus, mit dem Phenolphthalein gegen Verstopfung wirkt, ist nicht gerade zimperlich: Durch die aggressive Schädigung der Darmschleimhaut kommt es zu schmerzhaften Bauchkrämpfen und teilweise blutigen Durchfällen.

Und auch sonst ist das Nebenwirkungsprofil von Phenolphthalein eher ungünstig: So sind infolge der Anwendung schwere Hautreaktionen beschrieben, und es gibt Hinweise auf eine krebserregende Wirkung. All dies hat dazu geführt, dass auch Phenolphthalein vom Markt genommen wurde (1997).

Fazit: „Diätpillen“ sind unwirksam oder gefährlich

Vermeintlich unbedenkliche, pflanzliche „Diätpillen“ sind keine gute Alternative: Wenn sie tatsächlich rein pflanzlich sind, dann sind sie unwirksam. Sie reduzieren kein Gewicht, sondern allein das Geld der Anwender. Wirken diese „Diätpillen“ aber tatsächlich, dann nur deshalb, weil sie mit illegalen und gesundheitsgefährlichen Substanzen gepanscht sind, ohne dass der Anwender das weiß. In diesem Fall bestehen mit Herzinfarkt und Schlaganfall erhebliche Gesundheitsrisiken.

Noch mehr Details zum Thema "Diätpillen" finden Sie auf Prof. Dr. Martin Smollichs Ernährungs-Medizin-Blog