AKTE

Hintergründe und Links für Betroffene

Der PIP-Silikonkissen-Skandal

Es war einer der größten Medizinskandale der Geschichte. Jahrelang verkaufte die französische Firma Poly Implant Prothèse (PIP) weltweit Brustimplantate aus billigem Industriesilikon. 400.000 Frauen rund um den Globus ließen sich unwissentlich die gefährlichen Silikonkissen implantieren – mit fatalen Folgen. Denn die Kissen, die mit Dichtungsmasse aus dem Bausektor gefüllt sind, reißen viel leichter als herkömmliche aus medizinischem Silikon. Tritt das Material aus, ist das höchst gefährlich: eine tickende Zeitbombe.

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Der Skandal wird Ende 2011 öffentlich. Unter den betroffenen Frauen bricht Panik aus. Allein in Deutschland tragen etwa 5.000 Frauen das Teufelszeug in den Brüsten. Viele lassen sich die Implantate sofort entfernen. Bei jeder zweiten Frau gibt es bereits Schäden, wie Risse an den Implantaten. Und auch aus intakten PIP-Kissen kann das Industriesilikon austreten - durch Ausschwitzen durch die Hülle.

Viele der PIP-Frauen sind heute chronisch krank, haben Autoimmunerkrankungen entwickelt und klagen über ähnliche Beschwerden: starke Schmerzen, Schlappheit und ständige Müdigkeit. Für viele ist ein normales Leben gar nicht mehr möglich. Sie mussten ihren Job aufgeben, sind wegen der Erkrankung berufsunfähig, berentet oder müssen von Hartz IV leben. Beweisen, dass die PIP-Implantate ihr Leben zerstört haben, können die Frauen nicht. 

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Der plastische Chirurg Dr. Jens Kauczok hat nach dem PIP-Skandal viele dieser minderwertigen Silikonkissen entfernt. Er kann sich an kein einziges heraus operiertes PIP-Implantat erinnern, aus dem kein Silikon herausgetreten war. Für einen Einsatz im Menschen war das Industriesilikon nie getestet worden. Ungewiss ist bis heute, welche Inhaltsstoffe genau im Silikon-Mix steckten, denn die Zusammensetzung wurde je nach Verfügbarkeit ständig verändert, so dass es von Charge zu Charge große Unterschiede gibt.

Viele Betroffene kämpfen seit Jahren vor Gericht, um endlich Schadensersatz oder Schmerzensgeld zu bekommen. Der Münchner Patientenanwalt Christian Zierhut vertritt insgesamt 200 durch PIP-Implantate geschädigte Frauen in Deutschland. Nach dem Skandal wird die Firma PIP mit Klagen überschüttet. Doch erst 2016 wird der PIP-Geschäftsführer Jean-Claude Mas wegen schweren Betrugs rechtskräftig zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. 

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Auch der TÜV Rheinland gerät ins Visier. Denn er war europaweit für die CE-Zertifizierung der minderwertigen Silikonkissen verantwortlich. Schadensersatzforderungen gegen ihn laufen immer noch. In Deutschland bisher erfolglos, doch in Frankreich wurde der TÜV Rheinland bereits zum zweiten Mal zu 60 Millionen Euro Schadensersatz verdonnert. Auch rund 100 deutsche Frauen haben sich an der Klage in Frankreich beteiligt und als erste Deutsche Geld erhalten. Allerdings nur unter Vorbehalt, denn der TÜV ist erneut in Revision gegangen. 

Doch auch in den Klagen vor deutschen Gerichten gibt es noch Hoffnung für die Opfer: Anfang 2017 hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg ein Urteil gefällt, in dem es heißt, dass die Prüfstelle – also der TÜV Rheinland – „alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen“ muss, um sicherzustellen, dass der Hersteller seine Verpflichtungen einhalte. Für Zierhut bedeutet dies, dass die „Tür der Haftung jetzt offen“ ist. Sein Ziel ist es jetzt zu beweisen, dass es schon längst Hinweise gab, dass die Silikonkissen nicht den vorgeschriebenen Anforderungen genügten. Der Kampf geht also weiter.

Nicht alle Frauen mit PIP-Implantaten wurden von ihrer Klinik informiert. Noch immer gibt es Frauen, die PIP-Kissen tragen ohne es zu wissen. Unsere Betroffene aus unserem akte-Spezial Cornelia Pilgenröder hat sich jahrelang in Sicherheit gewogen, weil in ihrem Implantate-Pass nicht die Marke „PIP“ sondern „Rofil“ stand. Doch auch Rofil-Implantate wurden von PIP hergestellt und sind mit Industriesilikon gefüllt. Erst Anfang 2017 hat Cornelia Pilgenröder durch Zufall erfahren, dass auch sie zu den Opfern gehört.

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Der plastische Chirurg Dr. Kauczok empfiehlt allen Frauen, die sich unsicher sind, sofort die Klinik, in der sie operiert wurden, aufzusuchen. Falls sie sich im Ausland operieren haben lassen und keinen Implantate-Pass besitzen, rät er sich von einem erfahrenen plastischen Chirurgen (kein Schönheits-Chirurg!) untersuchen zu lassen. Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rät zur vorsorglichen Entfernung aller PIP- und Rofil-Brustimplantate.

Falls Sie auch betroffen sind oder der Verdacht besteht, finden Sie hier Kontaktstellen, bei denen Sie Rat oder Hilfe finden:

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