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Der Tod der monarchin reisst auch alte wunden auf

 Warum nicht alle um Queen Elizabeth II. trauern

  • Veröffentlicht: 14.09.2022
  • 09:16
  • Jannah Fischer
  • Update : 21.09.2022
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ben Stansall

Der Tod von Queen Elizabeth II. erschütterte die Welt – und nicht nur die Briten trauern um ihre Königin. Doch es werden auch Stimmen laut, dass man der Queen keine Träne hinterher weinen sollte – sie sei Teil der Unterdrückung der britischen Kolonien gewesen.
Wir erklären dir, was dahinter steckt...

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Tod von Queen Elizabeth: Eine Chance der Aufarbeitung?

Elizabeth II. war nicht nur die Königin von Großbritannien, sondern auch vom Commonwealth. Ein Staatenbündnis, das aus der Geschichte der englischen Kolonialisierung herausgewachsen ist. Eine Geschichte, die auf Ausbeutung beruht – deswegen sehen Kritiker den Tod der Monarchin als Chance, sich Großbritanniens dunkler Vergangenheit zu stellen. Manche fordern sogar, dass die Monarchie und das Commonwealth ganz abgeschafft werden und sehen in der Queen die Quelle allen Übels. Doch stimmt das?

Queen Elizabeth: Ihre Rolle während der Kolonialisierung

Wer jetzt denkt, dass Queen Elizabeth Länder überfallen und unterdrücken ließ, der liegt falsch. Das Problem ist viel komplexer und führt Jahrhunderte zurück zum Aufbau des British Empire.

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Es spannte vom 17. bis ins 20. Jahrhundert und war das größte Kolonialreich und damit auch die größte Kolonialmacht weltweit. In den verschiedensten Ländern, darunter Kenia, Indien oder auch Ceylon, handelten die Briten mit dort bezogenen Rohstoffen wie Edelmetalle, Tee oder Gewürze - waren aber auch Teil des Sklavenhandels.

Das Britische Empire 1902
Das Britische Empire 1902picture alliance / Heritage-Images | The Print Collector / Heritage-Images

Die besetzten Staaten wollten natürlich wieder ihre Unabhängigkeit erlangen und - in der Kurzfassung - konnten diese durch (blutige) Auseinandersetzungen und ein Aufbegehren gegen die britischen Besatzer erreichen. Die Dekolonialisierung dauerte bis in die 1980er Jahre an.

Was besteht, sind 14 Staaten des Commonwealth, einem losen Verbund aus unabhängigen Staaten, darunter Australien und Kanada, die als ein Überbleibsel des British Empire gesehen werden. Das Staatsoberhaupt ist immer noch der oder die jeweilige König:in von Großbritannien. Von 1952 bis zu ihrem Tod 2022 war das also Queen Elizabeth - und jetzt ihr Nachfolger König CharlesIII. Elizabeth war also nicht aktiv an der Kolonialisierung beteiligt, aber sie ist trotzdem ein wichtiges Puzzleteil im Gesamtbild.

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Queen Elizabeth: Ein Symbol der Unterdrückung?

Als Prinzessin Elizabeth plötzlich Queen Elizabeth II. wurde, war also die Zeit des aktiven Kolonialismus vorbei. Doch auf dem Papier bestand es noch - und auch viele der Unabhängikeitsbemühungen bekam Elizabeth als Regentin direkt mit. Kritiker, Betroffene und auch Historiker melden sich nun kritisch zum Tod der Queen: Für viele steht Elizabeth symbolisch für die Unterdrückung und Kolonialzeit des britischen Reichs.
Dazu kommt, dass sich die Monarchin, die 70. Jahre lang auf dem Thron saß, in ihrer Zeit als Regentin nicht zur dunklen Geschichte ihres Landes geäußert hat. Es fehlt an Anerkennung des Leids der besetzten Länder und des Sklavenhandels und somit auch an Aufarbeitung.
Kein Wort zu den von der britischen Armee begangen Kriegsverbrechen in z. B. Kenia.
Hier schlugen die Briten die Widerstandsbewegung der Mau-Mau blutig nieder.
Und Elizabeth? Entschuldigte sich nie im Namen ihres Landes, was ihr viele übel nehmen. Ihr Schweigen kann als Zurückhaltung gedeutet werden, soll der oder die Monarch:in sich schließlich nicht in die Politik einmischen.
Die jüngere Generation der Royals versucht zumindest, sich den Nachwehen der Kolonialzeit zu stellen, wie zuletzt Prinz William und Prinzessin Kate bei ihrem Besuch in der Karibrik bei dem William in einer Rede die Sklaverei verurteilte.

Beim Besuch in der Karibik schlug Prinz William kritische Töne an und verurteilte die durch das britische Empire verursachte Sklaverei
Beim Besuch in der Karibik schlug Prinz William kritische Töne an und verurteilte die durch das britische Empire verursachte Sklavereipicture alliance / empics /Toby Melville/PA Wire

Queen Elizabeth: Jubel über ihren Tod

Es ist mit diesem Blick vielleicht verständlicher, dass für manche der Tod von Queen Elizabeth II. nicht als Verlust, sondern als mögliche Befreiung angesehen wird. In Südafrika meldete die Partei Economic Freedom Fighters (EFF) in einem Statement unter anderem: "Wir trauern nicht um Elizabeth, denn für uns ist ihr Tod eine Erinnerung an eine sehr tragische Zeit in diesem Land und in der Geschichte Afrikas."
Auch im Netz machen sich immer mehr Stimmen breit, die sich kritisch zur Queen äußern und ihr Ableben nicht betrauern wollen.

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Jedoch darf man nicht vergessen, dass die Queen keineswegs politischen Einfluss hat. Natürlich hat sie eine Meinung, die sie bestimmt auch dem/der amtierende/n Premierminister:in mitteilt. Doch ihr Job war es nicht aktiv mitzumischen, sondern zu repräsentieren. Sie als Symbol für das Empire zu sehen ist die eine Sache - doch kann man ihr die alleinige Schuld am Verhalten der britischen Regierung zuschreiben?

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Tod von Queen Elizabeth: Forderung der Kronjuwelen

Für viele ein weiteres Symbol für die Unterdrückung des britischen Reichs: die Kronjuwelen Ihrer Majestät. In Schmuckstücken und Kronen wurden Edelsteine und Diamanten eingesetzt, die aus Kolonien stammen. Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer sagte dazu in einem Interview, dass die Königsfamilie persönlich vom Kolonialismus profitierte, es gehe um Millionen Euro an Ausbeutung. Unter anderem "sei es seit Jahrzehnten bekannt, dass in den Kronjuwelen Edelsteine aus kolonialen Raubzügen verarbeitet sind."

Der jetzige König Charles III. betrachtet die Staatskrone aus dem Schatz der Kronjuwelen bei seinem Besuch im Tower of London 2003.
Der jetzige König Charles III. betrachtet die Staatskrone aus dem Schatz der Kronjuwelen bei seinem Besuch im Tower of London 2003.picture-alliance / dpa | epa PA Green

Besonders um zwei Steine ist nach dem Tod der Queen eine Diskussion entflammt, ob sie den Ursprungsländern zustehen.

Der eine ist der berühmte Cullinan-Diamant, der größte Diamant der Welt. Er wurde 1905 in Südafrika entdeckt und 1908 in mehrere Steine gespalten. Teile davon, unter anderem der größte Stein mit dem Namen Der große Stern von Afrika, sind in den Kronjuwelen eingesetzt. Sie sind im Tower of London zu besichtigen. Kritiker sagen, dass Großbritannien die Diamanten zurückgeben soll - sie seien schließlich gestohlen worden.

Kurz nach dem Tod von Queen Elizabeth forderten in Indien die Leute auf Social Media die Rückgabe des wertvollen Koh-I-noor-Diamanten, eines der größten Diamanten der Welt. Er ist in der Königinnenkrone verarbeitet (und ebenfalls im Tower of London zu bewundern).

Zwei Kopien der größten geschliffenen Diamanten der Welt, links ein Duplikat des 530,2 karätigen Cullinan, rechts eine Kopie des Koh-I-Noor.
Zwei Kopien der größten geschliffenen Diamanten der Welt, links ein Duplikat des 530,2 karätigen Cullinan, rechts eine Kopie des Koh-I-Noor.picture-alliance / dpa | Vetter

Trägt Queen Elizabeth die alleinige Schuld an dem Raub der Kronjuwelen? Ja, sie trug die fragwürdigen Schmuckstücke und Kronen. Aber sie verfügt nicht über sie. Denn die Kronjuwelen gehören nicht der Monarchin oder dem Monarchen, sondern der Nation.
Aus diesem Grund werden sie auch nicht in den Privaträumen der Regenten verwahrt, sondern im Wakefield Tower auf dem Gelände des Tower of London.
Forderte man die Queen also auf, die Diamanten zurückzugeben, lag es praktisch nicht in ihrer Hand, dies dann auch zu tun. Ob sie jemals Ambitionen hatte, die Steine zurückzugeben ist nicht klar.

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Tod von Queen Elizabeth: Zerbricht das Commonwealth?

Der Tod der Queen sorgte auch für politische Stürme - denn mehrere Länder haben sich geäußert, sich gänzlich von Großbritannien lossagen zu wollen. So der karibische Inselstaat Antigua und Barbuda, dessen Premierminister Gaston Browne in drei Jahren dazu eine Volksabstimmung abhalten will.

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Und auch in anderen Ländern wie Australien, Jamaika oder Tuvalu ist durch den Tod von Königin Elizabeth eine neue Debatte über den Ausstieg aus dem Commonwealth entfacht. Doch andere Länder zeigen keine Ambitionen, aus dem Commonwealth auszusteigen - es bleibt also abzuwarten, ob unter dem neuen König Charles III. alles zerbricht.

Tod von Queen Elizabeth: Was bleibt von der Königin?

Historiker mahnen davor, die Queen nach ihrem Tod zu verklären und ihre siebzigjährige Regentschaft unkritisch zu sehen. Denn sie ist und bleibt eine Person mit vielen Facetten, die auch mal Fehler gemacht hat. Gerade in den ehemaligen Kolonien kann man verstehen, wieso die Queen kein Symbol der Freude und Hoffnung war. Jedoch darf man auch nicht vergessen, dass sie ein solches für viele Menschen war.

Das Vermächtnis der Queen ist kein einfaches. Aber König Charles und Prinz William haben die Chance, offener mit der dunklen Vergangenheit ihres Landes umzugehen, und aus den Fehler ihrer Mutter bzw. Großmutter zu lernen.

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